Karl Bartos: The Cabinet Of Dr. Caligari

Karl Bartos

Album: The Cabinet Of Dr. Caligari
Format: Vinyl, CD, Digital
VÖ: 16.02.2024
Label/Vertrieb: Bureau B
Website


Rezension

Wer sich mit elektronischer Musik beschäftigt, kommt am ehemaligen Mitglied der deutschen Speerspitze in Sachen Minimal-Pop kaum vorbei.

Von 1975 bis 1991 war Karl Bartos Mitglied der Düsseldorfer Formation Kraftwerk. Es war die Blütezeit der Band, die bis heute nichts an musikalischer Relevanz verloren hat.

Karl Bartos hatte Vibraphon, Klavier und Schlagzeug studiert, war also für vielerlei musikalische Einsätze „programmiert“. Am Ende war es auch ein Stück Zufall, dass er auf Ralf Hütter und Florian Schneider traf.

Nach diversen Bandprojekten ist der Multiinstrumentalist seit einigen Jahren wieder unter eigenem Namen unterwegs.

Im Jahre 2013 erschien sein letztes, von der Kritik gefeiertes, Album Off The Record.

Nun hat er sich Das Cabinet des Dr. Caligari, einen deutschen Stummfilmklassiker, vorgenommen, einen Horrorfilm von Regisseur Robert Wiene aus dem Jahr 1920 über einen Schlafwandler, der tagsüber von Dr. Caligari als Attraktion auf Jahrmärkten präsentiert wird und nachts als Mörder um die Häuser streift.

Am 17. Februar 2024 wird diese neue Filmmusik von Karl Bartos in der Alten Oper Frankfurt uraufgeführt. Das zugehörige Album wird tags zuvor veröffentlicht.

Auch andere Komponisten haben sich die Filmmusik zu diesem weltberühmten Stummfilm bereits vorgenommen, unteren anderen kein Geringerer als John Zorn, der am 9. Februar 2014, also ziemlich genau vor zehn Jahren, seine Musik in der Berliner Philharmonie live mit Orchester präsentieren durfte. Die restaurierte Filmfassung, die auch am 17.02.2024 gezeigt wird, war da gerade fertigestellt.

Bei der kommenden Premiere trifft damit die digital restaurierte Fassung des expressionistischen Films von 2014 auf den Klangkosmos von Karl Bartos.

Auf der Bühne der Alten Oper Frankfurt wird er über 75 Minuten mit seinem Partner Mathias Black live und szenenscharf spielen.

Versuch einer Annäherung

Mir liegt das Album seit einigen Tagen vor. Den Film habe ich vor vielen Jahren im TV gesehen, kann mich insofern an einzelne Szenen nicht mehr erinnern. Damit bringe ich – unfreiwillig – beste Voraussetzungen für die Bewertung dieses „Soundtracks“ als solchen mit.

Sprich:

Ist das kompositorische Werk von Karl Bartos so eigenständig, dass man es ohne Film oder detaillierte Ahnung des filmischen Inhalts einordnen kann?

Ein erster Versuch lässt mich zunächst tatsächlich etwas hilflos zurück.

Ich besorge mir die restaurierte Filmfassung von 2014 auf Blu-ray Disc und betrachte den Film, achte auf einzelne Szenen, natürlich auch auf die Filmmusik. Die Freiburger Filmmusikklasse von Prof. Cornelius Schwehr hatte vor zehn Jahren eine zeitgenössische Musik zum Film eingespielt. Man darf diese bereits als sehr gelungen bezeichnen.

Karl Bartos geht zusammen mit Mathias Black noch einen erheblichen Schritt weiter. Mittels synthetischer Klanglandschaften wird der Stummfilmklassiker in das 21. Jahrhundert transferiert.

Wie gut und wie präzise die Bilder des Films am Ende mit der Musik miteinander verschmelzen, werde ich am kommenden Wochenende in der Alten Oper austesten und auch darüber berichten.

Eines vorab:

Die Filmmusik von Karl Bartos ist erheblich zugänglicher und verständlicher, wenn man sich den Film angesehen und wesentliche Szenen eingeprägt hat. Dann ist sie die ideale Vorlage für Kopfkino im wahrsten Sinne des Wortes.

Insofern kann man Bartos‘ Vertonung nicht mit üblichen Soundtracks vergleichen, die sich entweder bereits verfügbaren Materials bedienen oder breitformatige orchestrale Fassungen zu opulenten „Blockbustern“ liefern, wie es z. B. der US-Amerikaner John Williams noch immer beherrscht.

Bartos hat bei seiner Filmmusik das Konzept der effektiven Reduktion angewandt.

„Weniger ist manchmal tatsächlich mehr“.

Es wäre schließlich auch ein kleines Wunder, wenn die Zeit in den Kling-Klang-Studio von Kraftwerk völlig spurlos an ihm vorbeigegangen würe.

© Gerald Langer


Tracklist

Act 1:

Prologue
Scary Memories
Atonal Floating
Full Of Life
In The Town Hall
At The Funfair

Act 2:

A Mysterious Crime
At The Funfair 2
The Cabinet Of Dr. Caligari
Jane’s Theme
March Grotesque 2
Jane’s Theme 2
Shadows

Act 3:

Tragic Message
Suspicion
Tragic Message 2
The Plan
A Dark Figure
Caligari’s Theme
Arrest Of The Suspect
Caligari’s Theme 2

Act 4:

Worried Jane
Interrogation
Jane’s Fear
Francis’s Observation
Cesare’s Attack And Escape
Safe And Sound

Act 5:

Francis At A Loss
Caligari’s Deception
Lunatic Asylum
In Search Of The Truth

Act 6:

Out In The Field
The Director Rants And Rages
Scary Memories 2
Who’s Mad Here?
Francis Rants And Rages
Epilogue


Diskografie (Solo)

  • 2000: 15 Minutes of Fame (Single)
  • 2003: Communication (Album)
  • 2003: I’m The Message (Single)
  • 2005: Camera Obscura (Single)
  • 2013: Atomium (Single)
  • 2013: Off The Record (Album)
  • 2016: Life (Single)

Bisher bekannte Termine der Live-Präsentation

17.02.2024 Alte Oper Frankfurt (Premiere)
24.04.2024 Babylon, Berlin
25.04.2024 Babylon, Berlin
26.04.2024 Rundkino, Dresden
05.06.2024 Laeiszhalle, Hamburg
06.06.2024 Laeiszhalle, Hamburg
02.11.2024 Prinzregententheater, München


Karl Bartos spricht über seinen Soundtrack


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