Merzbow, Mats Gustafsson, Balázs Pándi – Cuts Open

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Künstler: Merzbow, Mats Gustafsson, Balázs Pándi
Album: Cuts Open
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 25.09.2020
Label / Vertrieb: RareNoiseRecords
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Bei den allzu seltenen Gelegenheiten, bei denen die japanische Noise-Legende Masami Akita (alias Merzbow), der schwedische Saxofonist Mats Gustafsson und der ungarische Schlagzeuger Balász Pándi zusammen kommen, wissen die Zuhörer gleich, dass sie sich auf einen echten Klangangriff gefasst machen müssen. Jeder dieser Musiker allein hatte sich bereits als ‚enfant terrible‘ etabliert, lange bevor sie ihr Debüt von 2013, Cuts, aufnahmen; die damalige Höroffensive wurde mit dem Sonic Youth-Gründer Thurston Moore für zwei überwältigende Nachfolge-aufnahmen ergänzt.

Die Vorfreude auf solche musikalischen Attacken ist es, die das jüngste Album, Cuts Open, so hin-reißend beunruhigend macht. Gustafsson, Pándi und Akita erkunden noch ausgedehntere und luftigere Klanglandschaften, als es für ihre explosiven Begegnungen typisch ist. Die Ergebnisse sind nicht minder aufregend, weil sie ungewöhnlich ruhig sind (relativ gesehen natürlich; die „Gelassenheit“ dieses Trios entspricht den wildesten Extremen der meisten Musiker).

Die aufgeregte Perkussion

sorgt für eine unheilvolle Atmosphäre. Die gelegentlich brutalen Ausbrüche, in all ihrer Herrlichkeit, sind fast kathartisch in ihrer Freisetzung von Spannung, die die gedämpfteren Momente des Albums aufgebaut haben.

Auf die Frage, welche Arten von Klängen er am liebsten mit seinen Bandkollegen erkundet, bietet Akita nur das einzige Wort „spontan“ an. Aber die Richtung, die Cuts Open einschlägt, fast ein ganzes Jahrzehnt nach Entstehung des Trios, überrascht sogar die Künstler selbst.

„Dies ist eine wirklich besondere Platte für das Trio“, sagt Gustafsson. „Sie ist zu etwas ganz anderem geworden, und ich liebe es, wenn das passiert.“

Gustafsson ist sich natürlich kaum des Rufs bewusst, der ihm und seinen Bandkollegen in den Köpfen des Publikums vorauseilt. Der Saxofonist ist bekannt für seinen robusten, flammenden Stil, der selbst die Weiten des Baritons zu sprengen droht in Bands wie The Thing und the Fire! Orchestra. Akita ist seit mehr als vier Jahrzehnten ein Pionier der rauen, angriffslustigen Noise-Musik, die unzählige Kollaborationen mit Leuten von Jim O’Rourke und Alec Empire bis hin zu Boris und Wolf Eyes umfasst. Pándis Schlagzeug hat seinen Weg in eine bemerkenswert breite Palette der Avantgarde gefunden, von Free Jazz über Grindcore bis hin zu experimenteller Electronica.

Dieses Album rütttelt solche Erwartungen durcheinander

und fühlt sich für Gustafsson daher wegweisend an. „Ich mag Erwartungen nicht“, beharrt er mit einem Lachen. „Es ist etwas, das ich mit [dem legendären Saxofonisten] Peter Brötzmann teile: Wenn wir die Bühne betreten, erwartet jeder diesen Macho, laut, aufgedreht, sich im roten Bereich des Klangs bewegend. Aber ich mag, wenn die Musik entscheidet.“

Es war ganz und gar die Musik, und der Moment, in dem sie entstand, der das Trio in solch ein erwartetes Terrain führte. Die Aufnahme im Studio GOK in Tokio fand unmittelbar nach einer kurzen Japan-Tournee statt. Die Musik, die sie während dieser Live-Dates gemacht hatten, war zwar auf-regend, aber eher mit den üblichen Vorlieben des Trios. „Das Trio kann sehr laut, sehr geräuschvoll und sehr intensiv sein“, sagt Gustafsson. „Die Tournee, die wir in Japan gespielt haben, war so intensiv wie immer, vielleicht sogar noch intensiver. Sie fühlte sich an wie eine Mauer aus lauter Poesie. Aber im Studio begann sich plötzlich alles zu öffnen. Wir sprachen nicht darüber, wir spielten einfach, und es passierte Unerwartetes. Es war eine große Überraschung für uns alle, denn wir haben uns vorher noch nie in solch eine Richtung bewegt.“

Zum Teil wurde alles durch die unmittelbare Umgebung angeheizt und ganz im Sinne der völligen Improvisation.

„Wir hatten Kisten mit Schlagzeug herumliegen“, erinnert sich Pándi, „und da wir einfach das tun, was sich richtig anfühlt, haben wir etwas mit den Instrumenten in den Kisten aus-probiert. Das führte uns in ein völlig unbekanntes Gebiet. Leute, die mit der sanften Seite von Masamis Musik nicht vertraut sind, sind überrascht, wenn ich sage, dass wir eine stumme Merzbow-Platte gemacht haben, aber das ist so ziemlich der Fall.“

Cuts Open umfasst wie seine Vorgänger vier improvisierte Stücke in Seitenlänge

Jedes hat seinen eigenen Charakter, aber die vier beschwören eine erstaunliche Geschlossenheit herauf, die durch die poetischen Titel anschaulich eingefangen wird. Die von Gustafsson gewählten, etwas kryptischen Namen sind einem Romanpaar der schwedischen Autorin Karin Smirnoff entnommen. „Die wichtigste Inspiration für meine Musik sind die Poesie und die Literatur“, erklärt er. „Ich lese viel, und das gibt mir viele neue Ideen, wie ich Musik machen kann und liefert mir Gründe, warum wir Musik machen. Ich habe mich damals intensiv mit diesen beiden Büchern beschäftigt, die fantastische, absurde, sehr tiefgründige Geschichten über menschliche Beziehungen sind. Also lieh ich mir die Titel aus ihren Büchern aus.“

Ein statisches Summen, ein beunruhigendes Rasseln und plötzliche Gongs öffnen den ersten Titel „I went down to Brother“. Akitas statische Verzerrung bestimmt die düstere, dröhnende Stimmung für das 23-minütige Stück, welches das unbehagliche Gefühl hervorruft, durch eine Industriebrache zu wandern mit Augen im Rücken, die dir nichts Gutes wollen. Gustafssons Flöte stochert durch den elektronischen Dunst wie Unkraut, das durch Beton wächst.

Das Studio GOK war gut mit Schlaginstrumenten ausgestattet, und das Trio nutzte die Möglichkeiten von „And we went Home“ voll aus und verlieh der Musik eine perkussive Textur, die Pándis pointilistische Ausbrüche ergänzt und sich in Akitas gezackten Wirbeln und Gustafssons erschütterten Atemzügen und Sputtern fortsetzt. Nach etwa der Hälfte des Tunes tritt der Schlagzeuger eine Lawine los.

„We went up with Mother“ beginnt mit Gustafssons spärlichem Spiel, das in der höhlenartigen Stille widerhallt und von Pándis Metall auf Metall-Schaben ausgeglichen wird. Das Stück behält während seiner 21-minütigen Länge eine unheimliche Intensität bei, dystopisch in seiner schwer fassbaren Unruhe. Der erwartete klangliche Blitzkrieg kommt schließlich mit dem letzten Stück, „He locked the Door“, auf dem das Trio seine aufgestaute Aggression mit befriedigender Hingabe entfesselt.

„Für mich ist jede Möglichkeit, mit dem Trio zu spielen, etwas Besonderes“, sagt Pándi. „Wann immer wir zusammen spielen, [nur bei seltenen Gelegenheiten], geben wir unser Bestes. Ich kann den heftigsten Jetlag haben, aber wann immer wir uns zusammenschließen und die Möglichkeit haben zu spielen, erfüllt es mich mit einer Energie, die unbeschreiblich ist. Ich glaube das ist so, weil wir auf menschlicher Ebene tief miteinander verbunden sind.“

Natürlich konnte das Trio bei der Aufnahme von Cuts Open nicht wissen, dass seine Veröffentlichung mit einer globalen Pandemie zusammenfallen würde

Die Band blieb selber nicht unberührt davon, da Familie und Freunde vom Coronavirus betroffen waren und besonders Kulturschaffende, die Zukunft in einer noch nie dagewesenen Ungewissheit sahen. Vielleicht ist diese viszerale Musik für unsere unsicheren Zeiten besonders gut geeignet. „Ich denke, die Bedeutung der kreativen Musik wird jetzt noch einen höheren Stellenwert einnehmen“, behauptet Gustafsson und fügt die oft zitierte Binsenweisheit von Albert Ayler hinzu: „Musik ist die heilende Kraft des Universums.“

Tracklist

CD 1

1 – I went down to Brother 23:25
2 – And we went Home 23:23

CD 2

3 – We went up with Mother 21:11
4 – He locked the Door 17:51

Line-Up

Masami Akita noise electronics, percussion
Mats Gustafsson flute, fluteophone, baritone saxophone, live electronics and percussion
Balázs Pándi drums, percussion

Credits

  • All compositions by Masami Akita, Mats Gustafsson, Balázs Pándi
    Published by RareNoisePublishing (PRS)
  • Recorded at Studio Gok, June 18, 2018
  • Edited and mixed by Joe Talia at Good Mixture, Tokyo, June 2018
  • Mastered by James Plotkin @plotkinworks, June 2020
  • Titles inspired by Karin Smirnoff
  • Executive Producer for RareNoiseRecords: Giacomo Bruzzo
    Artwork and Design by @rokhond

Pressetext: © rarenoiserecords, hubtone pr, Antje Huebner

Schlagwörter

Verfasst von:

Musikliebhaber, Fotograf, Autor, Architekt.

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