J. Peter Schwalms – Neuzeit

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Künstler: J. Peter Schwalms
Album: Neuzeit
Format: CD, digital, Vinyl
VÖ: 27.11.2020
Label / Vertrieb: RareNoiseRecords
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Neuzeit, die der deutsche elektroakustische Komponist J. Peter Schwalm durch sein neues Duo mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen betrachtet, wird im Allgemeinen auf die moderne Epoche bezogen, die im 16. Jahrhundert begann und das Entstehen der westlichen Zivilisation sah. Schwalm bringt den Begriff jedoch sehr wohl auf den Punkt; die Verschmelzung von „neu“ und „Zeit“ definiert er als eine Periode, die von plötzlichen und drastischen Veränderungen geprägt ist. Es fängt den Zeitgeist unseres turbulenten Moments ein, in dem politische Umwälzungen, eine globale Pandemie und ein katastrophaler Klimawandel eine ungewisse neue Existenz einzuleiten scheinen.

„Die Neuzeit spiegelt die Zeit des Wandels nach einem Crash wider“, sagt Schwalm. „Die Karten wer- den wieder neu gemischt, Veränderungen in jede Richtung sind möglich. Es gibt Möglichkeiten, die Dinge in Ordnung zu bringen – z.B. neu zu arrangieren. Natürlich hat alles immer eine dunkle Seite.“

Neuzeit ist nicht nur ein klanglicher Kommentar zu diesem instabilen Zeitalter, sondern ein Produkt davon

Die Zusammenarbeit entstand fast ausschließlich in der veränderten Realität, die durch die COVID-19-Pandemie hervorgerufen wurde. Schwalm begann im Februar mit der Herstellung der Kompositionen, als Städte auf der ganzen Welt damit begannen, Sperren zu errichten, um die Flut des Virus einzudämmen. Da er und Henriksen sich nicht in einem Studio treffen konnten, begann eine Zusammenarbeit auf dem Korrespondenzweg mit Telefongesprächen und dem Versand von Ideen und Musik per E-Mail. Nachdem die Teile aufgenommen waren, hielt sich Schwalm monatelang im Studio auf, um das fertige Produkt zusammenzusetzen, zu mischen und zu bearbeiten.

„Meine Idee war es, Arve Ideen anzubieten, die ihn inspirieren könnten, Neuland zu betreten, auf das sich keiner von uns bisher gewagt hat. Nach einigen Gesprächen am Telefon haben wir es auf eine Grundidee eingegrenzt. Unser Ausgangspunkt war eher formal und orchestral. Es war anfangs ein recht strukturierter, aber gleichzeitig auch sehr kreativer Arbeitsprozess, da wir uns aufgrund der COVID-19-Situation nicht in einem Studio treffen konnten. Aber ich merkte bald, dass Arve ein wirklich schneller und kreativer Performer und Co-Komponist ist.“

Begegnung mit Brian Eno

Beide Männer können sich vieler tiefer und erfinderischer Kollaborationen während ihrer gesamten Laufbahn rühmen. 1998 erregte Schwalms Elektro-Jazz-Ensemble Projekt Slop Shop das Interesse des legendären Musikers/Produzenten Brian Eno und initiierte eine sechsjährige Partnerschaft, die die Aufnahme des Albums Drawn From Life, die Komposition des Soundtracks zu Nicolas Winding Refns Film Fear X und die Schaffung einer Mehrkanal-Klanginstallation im Krater des Vulkans del Cuervo auf der spanischen Insel Lanzarote umfasste. Schwalm veröffentlichte Musikain, das erste Album unter seinem eigenen Namen, 2006; seitdem hat er drei weitere Alben veröffentlicht, die letzten beiden für RareNoise: The Beauty of Disaster in 2016 und How We Fall in 2018.

Arve Henriksen

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich Arve Henriksen als einer der markantesten und gefragtesten Trompeter und Improvisatoren in der vielfältigen skandinavischen Szene etabliert. Neben der Veröffentlichung von zehn eigenen Alben durch Rune Grammofon und ECM ist Henriksen seit der Gründung der renommierten Avant-Jazz-Band Supersilent im Jahr 1997 auch ein integrales Mitglied dieser Band. Der Trompeter hat mit einer überwältigenden Liste kreativer Musikkoryphäen zusammengearbeitet, darunter Jon Balke, Marilyn Mazur, Nils Petter Molvær, Arild Andersen, Dhafer Youssef, David Sylvian, Jon Hassell, Laurie Anderson, John Paul Jones, Gavin Bryars, Ryuichi Sakamoto, Bill Frisell, Terje Rypdal, Maria Schneider und Christian Fennesz, um nur einige zu nennen.

Die Künstler trafen sich 2006 beim zweiten Punktfestival in Kristiansand, Norwegen, einer jährlichen Zusammenkunft experimenteller Musiker, die sich der Idee des Live-Remixes widmen

Seitdem treten Schwalm und Henriksen regelmäßig auf dem Festival auf und haben oft die Idee eines gemeinsamen Projekts diskutiert. „Ich hatte immer das Gefühl, dass der richtige Moment und die richtige Grundidee zum richtigen Zeitpunkt kommen würden“, erklärt Schwalm.

Trotz ihrer gegenseitig beeindruckenden Referenzen, so Schwalm, seien sich die beiden in der Arbeit des jeweils anderen ganz am Anfang zunächst fremd gewesen. „Als ich Arve zum ersten Mal beim Punktfestival auftreten sah, kannte ich ihn nicht, und ich war absolut erstaunt über seinen natürlichen musikalischen Antrieb“, sagt der Komponist. „Er ist einer der wenigen Musiker, bei denen ich denke: ‚Er ist Musik’. Die Art und Weise, wie die Instrumente, die er spielt, und seine Stimme zu einem so einzigartigen Klang verschmelzen, ist einfach umwerfend.“

Henriksens singuläre Stimme, kombiniert mit Schwalms visionärem Ansatz, weite und suggestive Klanglandschaften zu schaffen, ergreifen den Zuhörer sofort und versetzen ihn auf Neuzeit in ein Erkundungsterrain.

Die Tracks von Neuzeit

Den Ton gibt das Eröffnungsstück „Blütezeit“ vor, das auf etwas verweist, das entsteht und wächst. Die von den beiden Männern erzeugten Klänge haben eine brüllende Hybridität; die schwer fassbaren Atmosphären, die das Stück einleiten, scheinen sich fliessend von Snare-Drum-Echos zu krachenden Gezeiten zu verwandeln. Henriksens Hornton mutiert zu einem stimmgewaltigen und wieder nahtlos zurück. Pochende Elektronik und schmetterndes Klavier suggerieren ein Niemandsland zwischen dem Organischen und dem Künstlichen.

Der Titel von „Suchzeit“ spielt auf eine Suche nach Antworten und Gründen an, eine klangvolle Suche inmitten von Unruhe. Henriksens neugieriges Horn lotet die dunklen Tiefen von Schwalms geheimnisvollen Umgebungen aus, wobei im Verlauf des Stücks ein Element der Hoffnung – wenn auch nicht ganz sicher – entsteht. Der Titeltrack mit seiner Andeutung von zaghaften, unsicheren Schritten fasst das Thema des Albums zusammen, das von radikalen, durch das Weltgeschehen getriebenen Veränderungen geprägt ist. Dasselbe spiegelt sich auch in der Covergestaltung des Albums wider, einer riesigen Weite von Meer und Himmel, kurzzeitig zwischen Licht und Dunkelheit angesiedelt – die je nach Stimmung des Betrachters entweder als bedrohlich oder als vielver-sprechend empfunden werden kann.

Mit Schwalms elegischen Klavierklängen, Henriksens atemlosem, traurigen Horn und dem Prasseln des Regens auf ein imaginäres Fenster suggeriert „Raumzeit“ einen Ort der Besinnung und Ruhe, sei es körperlich oder geistig. Schwalm beschreibt „Schonzeit“ als die Pause zwischen dem Beginn und dem Finale eines Urknalls; das kann die winzige Unterbrechung eines angehaltenen Atems oder die Zeit selbst sein, und der straffe filmische Dialog des Paares suggeriert hier die Intimität und Weite dieser Ambiguität.

Stark und pointilistisch steht „Unzeit“ für die falsche Zeit, spannend in der dissonanten Fremdartigkeit seiner unzusammenhängenden Gestaltung. „Wellenzeit“ verweist mit der Suggestion von Wellen auf den zyklischen Charakter der Zeit, ein Wiederkehren und Wiederholen, das in den Rhythmen des Lebens und den Echos der Geschichte enthalten ist. Sanft, suchend und herzzerreißend hoffnungsvoll bedeutet „Zeitnah“ einfach „bald“.

Die Interpretation dieses einzelnen Wortes bleibt einem selbst überlassen, aber wie auch immer man es interpretiert, mit Neuzeit fassen J. Peter Schwalm und Arve Henriksen nicht nur die wider-sprüchlichen Gefühle unserer modernen Zeit zusammen, sondern schlagen Ihnen auch einen Weg nach vorn vor. Wie das Heute gesehen wird, wird nur durch das Auge der Geschichte klar werden; aber seine Gestaltung, welches dieses kraftvolle Album uns dringlich aufzuzeigen scheint, ist ganz und gar unser Werk.


Tracklist

  1. Blütezeit
  2. Suchzeit
  3. Neuzeit
  4. Raumzeit
  5. Schonzeit
  6. Unzeit
  7. Wellenzeit
  8. Zeitnah

Line-up

J. Peter Schwalm piano, drums, electronics, programming
Arve Henriksen trumpets, percussion, voices

Credits

Directions in Music by J. Peter Schwalm
Mixed, edited and mastered by J. Peter Schwalm at Mainsound/Frankfurt

Photography and design by Damir Tomaš
Music published by Tono and Edition Outshine/Universal Music Publishing

Produced by J. Peter Schwalm
Executive producer for RareNoiseRecords: Giacomo Bruzzo


Pressetext: © rarenoiserecords, hubtone pr, Anje Huebner

Schlagwörter

Verfasst von:

Musikliebhaber, Fotograf, Autor, Architekt.

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