Bruce Springsteen & E Street Band: „Der Boss“ am Hockenheimring 2023 (Live)

Bruce Springsteen

Datum: 21.07.2023
Venue: Motodrom Hockenheimring
Show: Only The Strong Survive – European Tour 2023
Autor: Jörg Neuner
Website: https://brucespringsteen.net/


Line-Up | Bruce Springsteen & The E Street Band

Quelle : https://www.njarts.net/whos-who-on-bruce-springsteens-current-e-street-band-tour/

Bruce Springsteen – vocals, guitar, harmonica
Steven Van Zandt – guitar, vocals
Nils Lofgren – guitar, vocals
Jake Clemons – saxophone
Garry Tallent – bass
Roy Bittan – piano
Charlie Giordano – keyboards, organ, glockenspiel
Soozie Tyrell – acoustic guitar, violin
Max Weinberg – drums
Anthony Almonte – percussions
Eddie Manion – tenor & baritone saxophone
Curt Ramm – trumpet
Barry Danelian – trumpet
Ozzie Melendez – trombone
Lisa Lowell – backing vocals, vocals
Curtis King – backing vocals, vocals
Michelle Moore – backing vocals, vocals
Ada Dyer – backing vocals, vocals


Setlist | Bruce Springsteen Live

No Surrender
Ghosts
Prove It All Night
Letter to You
The Promised Land
Out in the Street
Darlington County
Working on the Highway
Kitty’s Back
Nightshift
Mary’s Place
The River
Last Man Standing
Backstreets
Because the Night
She’s the One
Wrecking Ball
The Rising
Badlands
Thunder Road

Encore 1:

Born to Run
Bobby Jean
Glory Days
Dancing in the Dark
Tenth Avenue Freeze-Out

Encore 2:

I’ll See You in My Dreams


Konzertbericht

© brucespringsteen.net | Bruce Springsteen European Tour 2023_ Plakat Kopie

©-brucespringsteen.net-Bruce-Springsteen-European-Tour-2023_-Plakat-Kopie

Bruce Springsteen: Only The Strong Survive – World Tour 2023

 „Growing young with Rock‘n‘Roll“. Diese Headline geistert in meinem Kopf rum, als ich (60) mich nun doch endlich aufmache, um einen gewissen Herrn Springsteen (73) live zu erleben, bevor es für einen von uns beiden zu spät sein mag. Die Überschrift gehört zum Artikel des Musikkritikers Jon Landau, in dem er 1974 die Zukunft des Rock‘n‘Roll beschreibt – oder die des Herrn Springsteen

Nachdem ich nun fast genau 50 Jahre später im Motodrom des Hockenheimrings zusammen mit 80.000 jubelnden Fans aller Altersklassen stehe, war Landaus Vision wohl nicht ganz daneben: „I saw rock and roll future and its name is Bruce Springsteen.“ schrieb er im Mai 1974, nachdem er Springsteen als Opener für Bonnie Raitt im Harvard Square Theater, Cambridge, MA. gesehen hatte. 

Es nicht weniger als der Kickstart für Springsteen’s Karriere. Landaus Beteiligung als Co-Producer am darauffolgenden Album Born To Run sorgte dafür, dass der Motor auch richtig ans Laufen kam und ihn 1975 als ersten Rockstar in derselben Woche auf das Cover sowohl der Time als auch der Newsweek brachte. 

Soweit die Geschichte in seinen Biographien und anderer Literatur, die ich begeistert lese, aber Konzerte bislang nur auf Video verfolgt habe. Mir waren diese Monster-Stadien-Konzerte immer ein paar Nummern zu groß. Schlussendlich hat mich dann aber doch das Gefühl gepackt, im Leben etwas Wesentliches verpasst zu haben, wenn ich den Boss nicht einmal LIVE erlebt habe. Immerhin ein leicht geschichtsträchtiger Moment – seine ersten beiden Alben feiern dieses Jahr 50-jähriges Jubiläum. Greetings from Asbury Park und The Wild, the Innocent and the E-Street Shuffle – diese damals unerhörte Vielfalt und Komplexität gepaart mit musikalischer Virtuosität und unbändigem Vorwärtsdrang waren es, die Landau damals zu seinem Artikel inspiriert haben.

Und jetzt kommt er auf die Bühne. Weit weg und winzig klein am anderen Ende des Innenraums und doch riesig groß auf der riesigen dreiteiligen Video-Leinwand. “Bruuuce! Bruuuce!” von allen Seiten. Die ersten Takte von No Surrender: die sofortige Verjüngung durch den Rock‘n‘Roll funktioniert – zurückgebeamt auf unsere Parties in den 80ern. Nur endlich LIVE-live und so gänsehautig-nah wie nie zuvor. Fühlt sich noch unwirklich an.

Vollgas gleich durch die ersten Lieder mit fliegendem Gitarrenwechsel (wörtlich zu nehmen) “One, two, three!” Ghosts  “One, two, three!” Prove It All Night  – übergangslos … außer, das mal eben 40 Jahre dazwischen liegen. Und wieder 40 Jahre vorwärts: Letter To You. Mit Untertiteln – noch nie gesehen auf einem Konzert. Außer dem Tempowechsel im Lied schalte ich auch einen Gang zurück und versuche, die Lyrics zu verinnerlichen. Etwas gewöhnungsbedürftig…

Ich stehe direkt vor der Haupt-Tribüne auf der Piste, zu unseren Füßen die Positions-Markierungen für das Starterfeld. Die Atmosphäre im Motodrom ist überwältigend und ich sehe vor mir ein wogendes Meer von wohl 100.000 Armen, nicht weniger ergreifend als die donnernde PS-Horde beim Autorennen. Dazu perfektes Open-Air-Wetter, Sonne, aber nicht zu heiß. Ein paar dunkle Wolkenfetzen ziehen im Hintergrund über den Himmel – gerade die passende Spur an Dramatik für die ansonsten puristische Bühne.

Inszenierten Schnick-Schnack braucht die E Street Band nicht, brauchte sie nie. Es reicht die Großaufnahme von Springsteens Gitarrensoli mit dem Saitenbending auf der alten, geschundenen Telecaster; rechts von ihm wie immer Steven van Zandt, das optisch-akustische Gesamtkunstwerk mit seinen harten Gitarrenriffs und den finsteren Mimik-Einlagen in den Duetts mit dem Boss; von links die dritte Gitarre, Nils Lofgren mit seinen Special acts als tanzender Derwisch in Out In The Street und Because The Night  bis hin zum Lap-Top-Steel Einsatz; Soozie Tyrell arbeitet sich mit der Violine kraftvoll durch das Felsgestein von Working on The Highway und vertritt ansonsten die leider abwesende Patti Scialfa an der Gitarre. 

Was wären Thunder Road und She’s The One ohne Ray Bittans prägnante Piano-Melodien? Und ohne Charlie Giordano, dessen Hammond-Orgel und Glockenspiel ganz entscheidend zum typischen Sound des E Street “Orchesters” beiträgt. Stets der Unauffälligste – dafür das einzige Band-Mitglied seit Anbeginn – Garry Tallent am E-Bass, der zusammen mit “Mighty” Max Weinberg an den Drums für das Rhythmus-Fundament sorgt. Weinberg etwas weniger zurückhaltend, mit stets energischem Blick und seinen parallel erhobenen Drumsticks die Truppe vor sich her treibend. Oder im Duett mit Springsteen in Mary’s Place, in dem er den Lyrics das Echo von der Trommel-Felswand zurückspielt.

Neben den Gitarren immer wieder im Vordergrund die herausragenden Saxophon-Soli von Jake Clemons, vor allem in Thunder Road. Ganz in der Tradition seines verstorbenen Onkels Clarence, auch wenn er dessen Bühnenpräsenz nicht ganz ausfüllen kann. Aber wer würde das schon jemals können… 

Die E Street Stammbesetzung hat sich dazu mit fast genau so vielen Begleitmusikern verstärkt, die auch alle aus dem Jersey-Shore Dunstkreis um Little Stevens Disciples of Soul oder den Asbury Dukes kommen und bei zahlreichen Projekten immer wieder mit an Bord sind. Anthony Almonte gibt Nightshift die souligen Percussions-Rhythmen und die vier Background-Stimmen um Curtis King sorgen bei dem Juwel aus dem letzten Album Only The Strong Survive mit ihren Soli für den funkelnden letzten Schliff. Kitty’s Back wird von dem vierteiligen Bläsersatz um Eddie Manions Saxophon so richtig schön aufgeblasen. Alle zusammen die Zahnräder eines gut geschmierten und sauber eingestellten Renn-Motors.

Und der Boss gibt Gas. Auf der Gitarre und am Mikro. Mit dem Publikum, nahbar wie immer. Das wichtigste Bühnenrequisit ist die Treppe nach unten, die er unermüdlich auf- und absteigt, um in der ersten Reihe die Hände zu schütteln, alles Mögliche zu signieren, ein Mädel mit einer gebrauchten Mundharmonika zu beglücken, oder sich mit dem Rücken ins Publikum zu lehnen, um gemeinsam in die Bühnenkameras zu lachen. 

Ansonsten geht er es ein kleines bisschen ruhiger an – mit 73 Jahren auf dem Buckel, in denen man alles bewiesen hat, was zu beweisen wäre. Und mit 60 Gigs seit Februar in den Beinen. Da kann man ein grandioses Konzert geben, auch ohne dass das Hemd nach dem halben Set durchgeschwitzt ist. 

Lights out, nur ein warmer Lichtstrahl von Links auf das Mikro, das Gesicht im Halbschatten, akustische Gitarre und wieder Untertitel. Mit schon fast opernhafter Stimme erzählt The River  die ganz persönliche und tragische Geschichte aus dem Leben seiner Schwester. Damit verbunden ist auch die Story hinter Last Man Standing gleich danach. Er hat es geschrieben, als der Wegbegleiter gestorben ist, der ihn in seine erste Rock-Band geholt hat: George Thiess, damals der Freund seiner Schwester, und es trifft ihn hart, dass er nun der letzte Überlebende der Castiles ist, während sich die E Street Band den 50 nähert. Ganz der Heartland-Rocker – auch das Leben des Rockstars hat Alltagsmomente jenseits des American Dreams. 

Aber wie auch das Leben nimmt das Set wieder die Wende. Backstreets beginnt elegisch, steigert sich bis in die krachenden Gitarrenriffs und in dieser Dynamik geht es weiter bis in die Zugaben. Wrecking Ball, The Rising … Born To Run … Glory Days, Dancing In The Dark. Auch ohne Born In The USA sind alle 160.000 Arme und Beine in Bewegung. 

Bevor er zum Ende im Akustik-Solo I’ll see You In My Dreams wieder mit Untertiteln all jenen gedenkt, die ihn im Laufe der Karriere bereits verlassen haben, räumt 10th Avenue Freeze-Out nochmal richtig ab und zeigt Bühnenszenen mit den verstorbenen E Streetern Clarence Clemons und Danny Federici. Ergreifende Momente, wenn ich schräg vor mir im Publikum Tour-shirts von 1993, 2003, 2012 sehe…

© Jörg Neuner


Zum Artikel von Jon Landau:

https://web.archive.org/web/20030202021626/http:/home.theboots.net/theboots/articles/future.html


Bruce Springsteen: Turn Back The Hands Of Time (Video)


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