Künftig Hybrid-Shows aus dem Colos-Saal Aschaffenburg

Gestern flatterte digitale Post aus dem Colos-Saal Aschaffenburg ins Haus.

Ich finde, dass der vom Colos-Saal gewählte Ansatz sogenannter Hybrid-Shows höchstinteressant ist, er vor allem den für mich offensichtlichen Aspekt berücksichtigt, dass es so bald kein “Zurück zu einer präpandemischen Normalität” geben wird.

Ob ein am heimischen Großbildschirm erlebtes Konzert ein Konzert im üblichen Gedränge bei Bier, Schweiß und allen möglichen damit verbundenen Ausdünstungen wenigstens ansatzweise substituieren kann, weiß ich nicht. Während der Pandemie habe ich nicht ein einziges Konzert live gestreamt. Ich hatte darauf schlicht und ergreifend keine Lust.

Der Rockpalast war in den 1970er und 1980er Jahren ein feines TV-Event an wenigen ausgewählten Wochenenden, an denen man in der Nacht von Samstag auf Sonntag – am besten mit Freunden – für mehrere Stunden vor der Glotze saß und das konzertante Treiben in der vollbesetzten Essener Grugahalle aus der Ferne erleben durfte, die Umbaupausen gefüllt mit Interviews, die Albrecht Metzger und Alan Bangs führten. Eine für mich wunderbare Erinnerung, aber, alles hat eben seine Zeit.

Das hybride Angebot ist auf jeden Fall im Hinblick auf Barrierefreiheit, auch unter Umweltaspekten, individuellen Vorlieben an Raumklima und Lautstärke und viele andere Aspekt mehr, ein klares Signal, in dieser existenziellen Situation, in der sich Künstler und Veranstalter befinden, nicht aufzugeben, sondern nachhaltig kreativ zu sein.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob dieses Projekt von vielen Künstlern ähnlich positiv bewertet wird. Die nicht zu leugnende Möglichkeit einer digitalen Vervielfältigung eines sonst einmaligen Konzerterlebnisses könnte ein Problem darstellen.

Wer wird sich in einigen Monaten (oder Jahren) wieder ins Auto setzen, um zum Beispiel während des Feierabendverkehrs über die A3 von Würzburg aus ins Colos-Saal Aschaffenburg fahren, wenn es derlei, für den einen oder anderen, akzeptable Alternativen gibt?

Bin ich am Ende als leidenschafticher Konzertfotograf auch mit Screenshots zufrieden?

Hier der Newsletter des Colos-Saal im Wortlaut:

Hallo Real Music Lovers,

wir haben hoffentlich gute Neuigkeiten für Euch: Ab April gibt es wieder Konzerte im Colos-Saal, die nicht mehr abgesagt werden!

Wenn die Politik uns schon keine Planungssicherheit geben kann, dann stellen wir sie nach genau einem Jahr Zwangspause selbst her. Wir haben uns entschieden, in den nächsten Monaten konsequent sogenannte Hybrid-Shows zu veranstalten, Konzerte also möglichst vor Publikum (ab dem Zeitpunkt, ab dem das wieder machbar ist), die aber alle auch gleichzeitig in größtmöglicher Klang- und Bildqualität gestreamt werden und von Musikfreunden, die sich vorher das Online-Ticket gekauft haben, zuhause oder wo auch immer zu erleben sind. Wichtig! Die Konzerte finden notfalls auch ohne Publikum im Saal statt.

Natürlich ist nichts großartiger, als das Erlebnis und die unwiderstehliche Atmosphäre eines tollen Konzerts im Rausch der Sinne mitten in der Publikumsmenge. Begnadete Künstler, gute Performance, emotionale Momente, Leidenschaft, Dynamik, die Nähe zur Bühne, die Vibes, die temporäre Seelenverwandschaft im Publikum. Schon klar, gerade uns Musikfreaks im Colos-Team.

Aber mit viel Lust auf Innovation und ermutigt von unseren hochwertigen Streams im letzten Jahr, insbesonders durch zwei äußerst erfolgreiche Online-Ticket-Erstversuche im Februar/März dieses Jahres mit insgesamt 2130 Online-Besuchern(!), gehen wir nun neue Wege und versuchen Euch zu überzeugen, dass Konzertstreaming nicht nur aus der Not heraus geboren sein muss, sondern vielleicht auch nach der Pandemie eine gar nicht so schlechte Idee und denkbare Alternative bleiben könnte, die künftig Abwechslung beim uneingeschränkten Konzertgenuss verspricht.

Wir kennen durch jahrzehntelange Beobachtung die faszinierende Unterschiedlichkeit und Vielfalt unserer Besucher, die je nach Konzert mittlerweile aus völlig unterschiedlichen Szenen, Altersgruppen, Ethnien, Berufen usw. kommen und wir wissen, dass es viele unterschiedliche Wünsche und Erwartungshorizonte der Musikfans beim Konzertbesuch gibt.

Nach langem Brainstorming und gewissenhafter Vorbereitung des Teams, nicht zuletzt nach intensiver Einarbeitung unserer Techniker in die für sie bislang völlig neuen Techniken der Videobearbeitung, Kameraführung und Bildregie, empfehlen wir unsere Online-Tickets allen Real Music Lovers, die beispielsweise …

ihre eigene, private Konzertatmosphäre herstellen möchten

viel besseren Blick auf das Bühnengeschehen wünschen

barrierefreien Konzertzugang brauchen

auf technische Spielereien stehen

gerne eine andere Laustärke bei Konzerten hätten

nicht lange anstehen wollen oder können

vom Geplapper der anderen Besucher genervt sind

keinen Babysitter aber Lust auf Konzertfeeling haben

gerade keine Lust auf Party aber auf gute Musik verspüren

einfach keine stundenlange An- und Abreise wollen

den Schweißgeruch der Nachbarfans nicht mögen

in einem Zustand sind, in dem die Magnetkraft des eigenen Sofas abends allmächtig zu sein scheint

im Moment und temporär keine Leute um sich herum ertragen

die mal wieder gerne das alte Rockpalast-Feeling in neu hätten

im Alltag wenig Zeit haben

wegen des schnellen Ausverkaufs schon wieder keine Karte haben

Das wird nach der tatsächlichen Öffnung des Saals auch für Publikum wohl der häufigste Fall werden. Wenn wir Euch wieder vor Ort empfangen können, werden wir anfangs sicher noch massive Kapazitätsbeschränkungen vorgegeben haben.

Unter diesem Link hier erfahrt Ihr das Konzept und die Regeln für unsere Hybridshows. Bitte vor Kauf und Reservierung unbedingt durchlesen!


© Gerald Langer

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