Peter Lehel Quartett im Burda 2026

Peter Lehel

Datum: 11.06.2026
Venue: Museum Frieder Burda, Baden-Baden



Konzertbericht

Peter Lehel Quartett (feat. Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus)

Ein Gedankenspiel in Wort und Bild

Peter Lehels Projekte sind so vielfältig und facettenreich wie die Locations, an denen man ihm begegnet. Als Professor für Saxophon an der Musikhochschule Karlsruhe ist er bestens vernetzt und bringt regionale und überregionale Musiker nicht nur auf den üblich verdächtigen Konzertbühnen zusammen.

In der Produktionshalle von USM Haller in Bühl spielt er zwischen Büromöbeln, beim Jazz-Festival mit Barbara Dennerlein und ihrer Hammond Orgel. Mit der Jazz-Rock Formation Jazz Hop Rhythm begleitet er das Klackern der Roulette-Kugeln im Casino Baden-Baden. Das Finefones Saxophone Quartett vereint alle Tonlagen des Instruments zu einem Kammer-Gebläse, das gerne mal in Ralfs Bootshaus, dem Restaurant des Ruderclubs Rastatt, für ordentlich Wind sorgt.

Heute spielt das Peter Lehel Quartett im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, das aktuell die Ausstellung Wettstreit mit der Wirklichkeit – 60 Jahre Fotorealismus zeigt.

„Gibt es da einen inhaltlichen Zusammenhang?“ frage ich den kaufmännischen Direktor des Museums, Florian Trott.

„Wir machen hin und wieder klassische Kammerkonzerte, aber Peter Lehel war eine relativ spontane Idee.“

In der Pause frage ich Peter Lehel, wie lange es das Quartett schon gibt.

„Seit 17 Uhr 02.”

„OK….?”

„Das Quartett gibt es schon seit Jahrzehnten, aber immer in etwas wechselnden Besetzungen. Und mit dem Pianisten spielen wir heute zum ersten Mal.“

Der Jazz kann das – das Genre, in der die Improvisation ein wesentliches Element ist. Die entsprechende Kompetenz der beteiligten Musiker vorausgesetzt. Davon können wir heute ausgehen.

Der Bassist Mini Schulz ist Dozent am Institut für Jazz- und Pop an der Musikhochschule Stuttgart. Oliver Strauch ist Professor für Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik Saar. Und der „Benjamin“ des Quartetts, wie Peter Lehel das jüngste Mitglied Benyamin Nuss vorstellt, ist in erster Linie vielfach ausgezeichneter Klassik-Pianist und Kammermusiker – aber geprägt von Vater und Bruder, beides renommierte Jazz-Musiker.

„Notfalls folgt man einfach dem Saxophon“, so Peter Lehel.

Ein Jazzkonzert mit seinem Gerüst an Song-Standards, die immer wieder umarrangiert und improvisiert werden. Live gespielt inmitten einer Ausstellung fotorealistischer Gemälde. Wer auch immer mal versucht hat, ein Foto naturgetreu abzumalen, wird das kaum mit Improvisation in Verbindung bringen wollen.

Also nein, kein offensichtlicher Zusammenhang von bildender und tönender Kunst hier und heute. Aber vielleicht ein Gegensatz, der dann doch ganz spannende Parallelen birgt?

Im Fotorealismus ist für Improvisation nicht wirklich Platz. Das Motiv wird von einer Fotovorlage akribisch auf die Leinwand transferiert, mitunter um ein Vielfaches vergrößert. Im Katalog zur Ausstellung finden sich die unterschiedlichsten Prozesse und Techniken der verschiedenen Künstler.

Allenfalls die Motivauswahl und Komposition erschienen manchmal improvisierter, als man das sonst aus der Malerei kennt – schnappschussartige Straßenszenen, willkürliche Ausschnitte, vermeintlich banale Motive, die so geknipst nicht mal den Weg ins Familienalbum, geschweige denn in eine Ausstellung finden würden. Aber auch das ist in der Regel keineswegs improvisiert.

Der Ursprung des Fotorealismus im konsumgeprägten Amerika der 60er Jahre schlägt sich in einem Großteil der Motive wieder. Manche versprühen eine Faszination für Oberflächen und Reflektionen, Werbeschilder, die Skyline von Manhattan oder das bunte Treiben in den Straßen der Metropole. Diese Motive passen perfekt zum Jazz, der besonders präsent genau dort stattfand. Andere Bilder gehen auf Distanz und lösen Denkprozesse zum tiefgründigen Hinterfragen der Gesellschaft aus. Das kann man mit dem Jazz tun, ursprünglich die Musik der schwarzen Musiker.

Andersherum ist natürlich auch die Musik trotz aller Improvisationen ein kalkuliertes Konstrukt und folgt in erster Linie den Regeln der Noten, Harmonien, Rhythmen …, zumindest solange man nicht in den Free Jazz eintaucht. Tun wir heute Abend aber nicht.

Das Quartett bewegt sich im Wesentlichen durch das American Songbook, auch wenn der Opener Mack The Knife deutschen Ursprung hat. Zur Vorstellung solieren sich dabei alle Instrumente einmal durch die Nummer. In Cry Me A River hat sich schon ziemlich jede Jazz-Diva ihren Frust über die Männer von der Seele gesungen – die instrumentale Version beginnt Nuss mit einem tragenden Piano, das sich langsam in Rage spielt. Dann übernimmt Lehel und spült uns beruhigende Harmonien ins Ohr bis schlussendlich Strauch mit dem Besen auf dem Cymbal das ganze Ungemach wegwischt.

Everytime We Say Goodbye lebt vom dynamischen Kontrast zwischen dem kleinen Sopran-Saxophon im Duett mit dem wuchtigen Kontrabass von Schulz. Der wiederum hilft im Song For My Father beim Rhythmus-Kollegen am Schlagzeug aus und trommelt mit diebischer Freude munter auf dem Bass herum.

Bei Gershwin setzen natürlich alle – und ich – auf das klassische und fantastische Summertime. Nein, Ain‘ Necessarily So.

Ok, auch gut!

Achtung, Parallele zur Ausstellung:

Nicht immer das berechenbare Standard-Motiv/-Thema/-Perspektive. Fotorealismus lebt vom Unerwarteten, eben durch das alltägliche, banale Motiv, die banale unkomponierte Perspektive. Und dass es eben w.i.r.k.l.i.c.h g.e.m.a.l.t ist.

Ich habe anderntags in der Ausstellung tatsächlich eine ziemlich verzweifelte Dame von einem Bild zum anderen laufen sehen, deren Begleiterin sie schier nicht davon überzeugen konnte, dass das keine Fotografien sind.

Für eine eigene Nummer hat sich Lehel vom Schriftsteller Paul Auster und die Verfilmungen seiner Romane Smoke und Blue In The Face inspirieren lassen – für den Song Smoke In The Face.

Ein dynamisches Sax-Solo spielt die Multi-Kulti-Turbulenzen in dem New Yorker Tabakladen und bläst dann entspannt mit weichen Flächen Rauch aus der Nase. Richard Estes, einer der Mitbegründer des Fotorealismus in Amerika, hat oft gezielte Perspektiven fotografiert, um daraus eine komplexe Szene für seine Gemälde zusammenzusetzen.

Nun muss natürlich auch die bildhafte Umsetzung den gemischten Künsten sowie dem zuhörend betrachtenden Publikum gerecht werden:

Wenn die Gemälde an den Wänden jetzt aussehen wie Fotografien, dann alles drumherum – Achtung, Wettstreit! – natürlich als Gemälde erscheint.

So sei es.


Autor/Fotograf

Jörg Neuner


Quartett-Spiele gibt es außer auf den Streaming-Kanälen hier:
https://www.peterlehel.net/

Der Wettstreit läuft noch bis 2. August 2026:
https://www.museum-frieder-burda.de/ausstellung

Impressionen der Ausstellung:
https://www.flickr.com/photos/joergneuner/albums/72177720334604401


Line-up

Peter Lehel saxophone
Mini Schulz contra bass
Benyamin Nuss piano
Oliver Strauch drums


Setlist (Peter Lehel Quartett)

Set 1
Mack The Knife
Cry Me A River
Ain’t Necessarily So
Nature Boy
Say It (Over And Over Again)
Song For My Father

Set 2
Worksong
Whisper Not
Every Time We Say Goodbye
Blue Smoke In The Face
Blues March

Encore
Girl From Ipanema


Bildergalerie


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