Paul McCartney: 1964 – Augen des Sturms

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© Paul-McCartney_Augen-des-Sturms_C.H.-Beck

Paul McCartney

Titel: 1964 – Augen des Sturms
Inhalt: 335 S., durchgehend bebildert (Hardcover)
Herausgeber: ‎C.H. Beck
Sprache: ‎Deutsch
ISBN: ‎978-3-406-80300-0
Erscheinungsdatum: 13.06.2023



Rezension

Ich gebe zu, dass ich mit der Anschaffung dieses Buches schon länger geliebäugelt habe. Nun hatte sich am vergangenen Wochenende spontan die Möglichkeit ergeben, dieses exzellente Buch aus zweiter Hand, aber absolut neuwertig und ungelesen, zu erwerben.

Vielleicht ist das edle Stück nun endlich dort angekommen, wo es hingehört. Bücher haben ja auch eine Seele, oder etwa nicht?

Im Auge des Sturms: Paul McCartneys „1964 – Augen des Sturms“

Paul McCartneys Bildband „1964: Augen des Sturms“ ist mehr als ein Beatles-Buch. Es ist ein außergewöhnliches Zeitdokument, das aus dem Zentrum einer Kulturexplosion, eines Sturmes erzählt. Wer Musik liebt und zugleich mit Kamera, Licht und Bildkomposition arbeitet, findet hier eine seltene Doppelbegabung nicht die eines professionellen Fotografen, aber die eines Menschen, der mit offenen Augen durch die vielleicht wichtigste Phase der Popgeschichte ging.

Der Fund im Archiv

2020 entdeckte McCartney in seinem Archiv rund 1.000 eigene Aufnahmen, die er zwischen Ende 1963 und Mitte 1964 mit einer 35-mm-Kamera gemacht hatte. Aus diesem Bestand wurden 275 Fotografien für den Band ausgewählt. Sie zeigen Liverpool, London, Paris, New York, Washington, D.C. und Miami – jene Stationen, an denen die Beatles innerhalb weniger Monate von einer erfolgreichen britischen Gruppe zu einem globalen Phänomen wurden.

Der Titel trifft den Kern präzise. Die Beatles befanden sich nicht außerhalb des Geschehens, sondern in dessen Zentrum. Sie lösten die Beatlemania aus, waren aber zugleich ihre prominenten Gefangenen. McCartneys Bilder entstehen gewissermaßen „im Auge des Sturms“ – dort, wo der Wirbel am heftigsten tobt, aber eine eigentümliche Ruhe herrscht. Genau diese Spannung macht das Buch für Fotografie-Interessierte so reizvoll.

Kein Pressefoto, sondern innere Sicht

Was diese Aufnahmen von den damaligen Pressebildern unterscheidet, ist ihre Perspektive. Fotografen draußen wollten die Beatles einfangen – als Phänomen, als Ereignis, als vier Gesichter hinter Gittern aus Blitzlicht und ausgestreckten Armen. McCartney fotografierte dagegen von innen. Seine Kamera war dabei kein Instrument zur Berichterstattung, sondern ein privates Vergnügen.

Viele Bilder entstanden hinter der Bühne, in Garderoben, Hotels, Autos oder in Momenten des Wartens. Man sieht John Lennon, George Harrison und Ringo Starr nicht als Ikonen, sondern als junge Männer – müde, amüsiert, nachdenklich, manchmal gelangweilt, oft vertraut miteinander. Diese Intimität ist der eigentliche Wert des Bandes. Sie zeigt eine Seite der Beatles, die die offizielle Bildwelt der Zeit kaum zuließ.

Für McCartney selbst erheben die Fotos keinerlei Anspruch auf künstlerische Meisterschaft. Er bezeichnet sich im Vorwort als begeisterten Gelegenheitsfotografen, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – allerdings an einem Ort, den kaum jemand sonst betreten durfte.

Diese Bescheidenheit ist glaubwürdig, erklärt aber nur die Hälfte. Denn gerade die Ungezwungenheit der Bilder, ihr dokumentarischer Blick ohne großartige Inszenierung, macht ihre besondere Qualität aus.

Musik in Bildern

Aus musikhistorischer Sicht dokumentiert das Buch den Moment, in dem Pop zur Weltkultur wurde. Ende 1963 begann in Großbritannien die Beatlemania; Anfang 1964 folgte der erste USA-Besuch, der die Band endgültig in den Rang der berühmtesten Menschen der Welt hob. McCartneys Texte und Bilder fangen diese Beschleunigung ein, auch die wachsende Medienaufmerksamkeit, die Hysterie der Fans, die Reiselogistik, die Enge hinter den Kulissen.

Interessant ist, wie sehr die Fotografien auch vom Musizieren erzählen, ohne immer Bühne oder Instrumente zu zeigen. Man spürt die Erschöpfung nach Auftritten, die Konzentration vor ihnen, die Kameradschaft einer Band, die gleichzeitig zum globalen Unternehmen wurde. Das Buch macht begreiflich, dass die Musik der frühen Beatles nicht in einem luftleeren Raum entstand, sondern inmitten von Druck, Bewegung, Euphorie und permanentem Blick von außen.

Das Wesentliche passiert oft nicht auf der Bühne, sondern davor, danach und dazwischen. McCartneys Bilder sind deshalb auch eine frühe Visualisierung dessen, was man heute Backstage-Kultur nennen würde – nur dass hier nicht irgendein Tourneefotograf ablichtet, sondern ein Bandmitglied selbst.

Die Gliederung des Buches

„1964: Augen des Sturms“ ist konsequent geografisch gegliedert. Die Kapitel folgen den wichtigsten Stationen der Beatles in dieser Zeit: Liverpool, London, Paris, New York, Washington, D.C. und Miami. Diese Struktur wirkt zunächst schlicht, erweist sich aber als sehr klug: Sie macht die rasante Expansion der Beatles-Welt räumlich erlebbar.

  • Liverpool und London zeigen den britischen Ausgangspunkt: die Vertrautheit der Heimat, die ersten Anzeichen der wachsenden Popularität, der zunehmenden Präsenz von Presse und Fans.
  • Paris markiert den Übergang ins internationale Rampenlicht und die zunehmende Professionalisierung des Beatles-Alltags.
  • New York, Washington, D.C. und Miami dokumentieren die amerikanische Etappe, in der die Band zum weltweiten Medienereignis wurde.
  • McCartneys Vorwort und Kapitel-Einleitungen verbinden die Bilder mit persönlichen Erinnerungen und ordnen sie historisch ein.

Besonders reizvoll ist der visuelle Wandel im Verlauf des Buches. Die frühen Partien sind stark von Schwarz-Weiß geprägt; gegen Ende, vor allem in Miami, treten Farbaufnahmen hinzu. Das ist nicht nur eine technische Entwicklung, sondern auch eine Stimmungsveränderung. Die Bilder wirken heller, gelöster, privater. Die Farbe öffnet einen anderen Zugang zu den Beatles – weniger ikonisch, mehr alltäglich.

Fotografische Beobachtungen

Wer selbst fotografiert, wird hier vieles wiedererkennen.

Die Nähe, die mit der Nutzung einer Kleinbildkamera ohne Zoom einhergeht, den Charme, die Unvollkommenheit, die gerade nicht Mangel, sondern Wahrheit ist. McCartneys Bilder sind keine komponierten Meisterwerke im Sinne der Kunstfotografie. Aber sie besitzen etwas, das viele technisch perfekte Aufnahmen vermissen lassen: Die Wahrnehmung des Momentes.

Auffällig sind zudem die zahlreichen Bilder, in denen Fotografen selbst ins Bild geraten. McCartney richtet die Kamera häufig auf diejenigen, die ihn und seine Kollegen normalerweise ablichten. Damit kehrt sich der Blick um.

Die Beatlemania wird nicht nur von den Beatles erlebt, sondern auch von einer wachsenden Schar von Reportern erzeugt und medial verstärkt. Diese Meta-Ebene macht den Band zu einem frühen Kommentar über Medien, Prominenz und Bildproduktion.

Ein Buch für zwei Blicke

Für Musikinteressierte ist „1964: Augen des Sturms“ ein intensiver Einstieg in die Entstehungszeit der Beatles als Weltphänomen. Für Fotografie-Interessierte ist es ein Dokument darüber, wie persönliche Bilder historische Kraft gewinnen können, wenn sie aus einer einzigartigen Position heraus entstehen. McCartney war weder Reporter noch Kunstfotograf – und genau das macht den Band so überzeugend.

Das Buch zeigt, dass gute Fotografie nicht unbedingt von technischer Virtuosität lebt. Sie entsteht auch aus Nähe, Vertrauen, Timing und der Bereitschaft, hinzusehen, während alle anderen nur starren. McCartney hatte diesen Blick – und er hatte das Privileg, ihn aus dem Zentrum des Sturms heraus ausüben zu dürfen.

Mit 335 Seiten, durchgehend bebildert und im C.H. Beck Verlag erschienen, ist „1964: Augen des Sturms“ kein Buch, das man einmal durchblättert und wieder wegstellt. Es ist ein Band, zu dem man zurückkehrt – mal wegen der Musikgeschichte, mal wegen der Gesichter, mal wegen der Frage, wie es wohl gewesen sein muss, mitten im größten Sturm der Popgeschichte zu stehen und doch einen Moment lang ruhig zu bleiben.

© Gerald Langer


Leseprobe

Hier kann man gerne in das Buch hinein schnuppern:

https://cdn-assetservice.ecom-api.beck-shop.de/productattachment/readingsample/15162440/35435958_leseprobe%20mccartney.pdf


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