Taubertal-Festival 2011

Festivalbericht mit Konzertfotos
Das Taubertal-Festival vom 12. bis 14.08.2011
“Taubertal-Zaubertal”


Ein dreitägiges Festival zu besprechen, ist keine leichte Aufgabe. Setzt man den Schwerpunkt auf die Rezension einzelner Bands, auf die Atmosphäre als solche oder ganz kritisch auf die Organisation des Happenings?

Nun ich werde ganz einfach versuchen, meine ganz persönlich gewonnenen Eindrücke zu vermitteln.

Um mich vielleicht gegenüber dem geneigten Leser etwas zu „verorten“:

Habe mittlerweile doch schon einige Jährchen auf dem Buckel, verfolge die Rockszene seit Anfang der 1970er Jahre. Meine derzeitigen persönlichen Favoriten waren hier allesamt nicht aufgetreten. 

Nun das große „Aber“: 

Das Taubertal-Festival 2011 bot mir eine wunderbare Chance, Bands, die ich manchmal nur namentlich kannte, von denen ich zuvor vielleicht auch den einen oder anderen Tonträger bereits mein eigen nennen durfte, „erstmals „live“ zu entdecken. Als leidenschaftlicher Konzertfotograf waren die vergleichsweise kurzen Phasen „im Graben“ unmittelbar vor der Bühne natürlich besonders intensiv erlebte Highlights des vergangenen Wochenendes. 

Die unmittelbare Wucht der Bässe, die sich tief in die Magengrube bohren, die Basslautsprecher, die so stark stampfen, dass die darauf abgelegte Kamera herunter zu fallen droht, der schnelle Wechsel von Objektiv und Kamera, von Blickwinkel und Lichtsituation, all das beschäftigt einen in diesen wenigen Minuten, ohne das Geschehen „On Stage“ aus den Augen verlieren zu wollen. Schließlich ist man auf der Jagd nach denjenigen Fotos, die über das Festhalten von Sekundenbruchteilen eines Live-Auftrittes ein möglichst repräsentatives Abbild des jeweiligen „Acts“ zeichnen sollen.

Ich hoffe, diesem Anspruch wenigstens annähernd gerecht geworden zu sein.

Freitag, 12.08.2011

Nach Büroschluss schnell ins Auto und von Würzburg aus kommend über die A7 nach Rothenburg. Das Wetter sieht etwas unentschieden aus – drückend warm, aber auch stark bewölkt. Es wird aber den ganzen Abend über halten. Nach Abholung des Presseausweises am Servicepoint „Molkerei“ geht es zu Fuß zum Bahnhof und von dort mit eigens eingerichteter Shuttlelinie zum „Festplatz“ im Tal. Dort stünden nach Aussage des Veranstalters  nur sehr wenige Stellplätze zur Verfügung, wo von ich mich vor Ort überzeugen kann. Im Bus stolpere ich schon über die ersten Bierflaschen und – dosen. Was kommt da wohl auf mich zu?

Nach nur wenigen Minuten Fahrt erreicht der Bus das Festivalgelände. Alles steigt aus, einige schon wieder ein. Nun noch schnell die Fotolizenz abholen, dann sollte einem ereignisreichen Freitagnachmittag eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Ein erster Lauf über das Gelände. Als Architekt kann ich mir den Blick auf die Ausschilderung von Flucht- und Rettungswegen nicht verkneifen. Scheint alles so weit zu passen. Die traurige Lektion aus Duisburg haben mittlerweile wohl alle Veranstalter und Ordnungshüter gelernt.

Nun steht der Auftritt von Schandmaul, als Mittelalter – Folk – Rock – Band apostrophiert, an. Diese Bezeichnung vermag die Musik der sechsköpfigen Band, die hier im Taubertal auf ein offenes Publikum trifft, durchaus charakterisieren. Sie spielen laut, sehr laut. Sänger Thomas Lindner gibt sich redlich Mühe, durch etwas ordinär vorgetragene Ansagen zum Vaterwerden des Schlagzeugers Stefan Brunner, der heute nicht dabei ist, auch als „Rockproll“ zu gefallen. Aus meiner Sicht vollkommen unnötig, spielt die Band doch ein insgesamt sehr stimmiges Set.

Bildergalerie | Schandmaul



NOFX stehen als nächstes an. Die Band von Fat Mike (Gesang, Bass), Eric Melvin (Gitarre) und Erik Sandin (Schlagzeug) besteht seit nunmehr bald 30 Jahren. Das weite Feld der punkigen Rockmusik wurde von ihr beackert, sie können somit auf ein umfangreiches Euvre zurückgreifen. Darin besteht allerdings auch ihr Problem. Das Set wirkt leider etwas orientierungslos und zerfahren. Die einzelnen Songs als solche können dabei im Großen und Ganzen überzeugen, aber die künstlerische Montage zu einem in dauerhafter Erinnerung bleibenden Gesamtauftritt gelingt an diesem Festivaltag nicht.

Kurz vor 21:00 kommen Rise Against aus Chicago, Illinois auf die Bühne und legen einen – im positiven Sinne – druckvollen – und von vorne bis hinten außerordentlich stimmigen Auftritt hin. Für mich – gerade im Nachhinein – ein absoluter Höhepunkt des gesamten Festivalwochenendes. Sänger Tim McIlrath hat mit seiner vierköpfigen Band das Publikum von Beginn an im Griff.  Seine Sympathie für das Festival und seine Besucher wirkt authentisch. Das Set besteht überwiegend aus Songs der beiden letzten Alben Appeal To Reason (2008) und Endgame (2011), die ich uneingeschränkt denjenigen empfehlen kann, die dieses Genre mögen. Bei mir drehen sich diese beiden Scheiben derzeit unaufhörlich – urlaubsbedingt – im CD-Player meines Autos.

Bildergalerie | Rise Against



Für 22:50 ist der für mich über alles erhaben erscheinende Headliner Iggy Pop And The Stooges angekündigt. Vorher gab es unter den Fotolizenzinhabern schon viel Getuschel um die Wenigen, die in den „Graben“ dürfen. 

Also vorweg: 

Ich war leider nicht bei den – lediglich  zehn – auserkorenen, Hand verlesenen oder sonst wie ausgewählten Fotografen dabei, die exakt fünf Minuten without flash dem Altmeister der Punkmusik mit ihrem Zoomobjektiv auf die Pelle rucken durften. 

Mit erlaubter Kompaktkamera habe ich mich deshalb rechtzeitig unmittelbar hinter der Grabenabsperrung positionieren können. Die von dort aus geschossenen Fotos, allesamt in Schwarzweiß mit grober Körnung gewandelt, quasi aus der Not eine Tugend machend, zeichnen den Auftritt der Punklegende nach, die den Zenit der manches Mal gar selbstzerstörerischen Kreativität längst überschritten hat.

Von den Gründungsmitgliedern ist neben Iggy lediglich noch Scott Asheton (Schlagzeug) mit dabei. Sie spielen die klassischen Songs der Stooges in rauester Manier. Immer wieder sucht Iggy Kontakt zum Publikum, lässt sich gerne anfassen (mancher in der ersten Reihe will diesen – wenigstens von weitem – makellos gestählt erscheinenden nackten Oberkörper einfach nur mal kurz berühren) und bittet einige Vertreter des Publikums sogar mit auf die Bühne. Diese Einlage wirkt auf mich furchtbar gequält, vielleicht auch deshalb, weil sich ein falscher Iggy mit auf die Bühne geschlichen hat. Das Ganze erinnert etwas an den „falschen oder richtigen Heino“ der Toten Hosen. Lange weißblonde Haare machen eben noch lange keinen Iggy! Diejenigen, die auch den einen oder anderen Klassiker von Iggy Pop solo erwartet hatten, werden enttäuscht. Ich selbst hatte eine derartige Erwartungshaltung nicht, aber die große Hoffnung, dass die der Band zur Verfügung gestellten 75 Minuten wenigstens vollumfänglich ausgeschöpft würden. Nach 65 Minuten, inklusive einer Zugabe, ist allerdings Schluss. Ein erschöpfter Iggy schleicht von der Bühne. Weitere Zugaberufe verhallen erfolglos. So ist’s eben, wenn man die Altväter des Punkrock, die mittlerweile das Rentenalter erreicht haben, einlädt. 

Festivaltag # 1 geht damit nahezu exakt um Mitternacht zu Ende.

Samstag, 13.08.2011

Komme rechtzeitig zum Auftritt von The Locos (aus dem Spanischen: die Verrückten) auf dem Gelände an. Von dieser Band hatte ich zuvor noch gar nichts gehört. Sie debütierten bereits im Jahre 2007 beim Taubertalfestival.. The Locos machen schnellen, musikalisch temperamentvollen, Ska-Punk. Dabei klingen sie nicht so roh wie damals The Clash, sondern eher, man verzeihe mir die Wortwahl, wie eine spanische Strandstimmungskapelle der Extraklasse. Die Texte behandeln geradezu nebenbei politische Themen, die der Sänger Pipi exaltiert vorträgt. Sie sind somit idealer Anheizer für die nachfolgenden Bands. 

Bildergalerie | The Locos



Gegen 19:00 betreten dann die Donots, mit insgesamt bereits 8 Tauberfestivalauftritten, also „die Wiederholungstäter schlechthin“, die Bühne und ziehen das Publikum sofort in ihren Bann. Ihr Sänger Ingo Knollmann, der tags darauf seinen 35. Geburtstag feiern wird, hat sofort einen perfekt funktionierenden Draht zum tanzenden und johlenden Publikum. Die Band spielt, wie früher Boris in Wimbledon, „in ihrem Wohnzimmer an der Tauber“ gnadenlos gut auf, wobei ihr bunt tätowierter Gitarrist etwas unkontrolliert über die Bühne torkelt. Alles nur Mache, die Riffs sitzen. Auch Volker Hirsch, der Veranstalter des Taubertal-Festivals, grinst zufrieden in Richtung Bühne. Nach 60 Minuten ist ihr fulminanter Auftritt vorbei.

Bildergalerie | Donots



Bullet For My Valentine betreten kurz vor 21:00 die Bühne und starten mit brachialer musikalischer Gewalt ihr knapp siebzig Minuten dauerndes Set. Ich gebe zu, dass ich mich für den Ohren betäubenden Lärm dieser schnell aufspielenden Band nicht allzu sehr begeistern kann. Die große Menge der jüngeren Zuschauer sieht das bei weitem anders. Auf sie wirkt die Musik der Bullets wie ein Katalysator. Die geduldige Security hat alle Hände voll zu tun, die auf Händen immer wieder nach vorne getragenen Zuhörer über den Graben wieder in den Zuschauerbereich zu geleiten.

Bildergalerie | Bullet For My Valentine



Gegen 23:00 kommt der Headliner des Abends auf die Bühne. 

Pendulum werden in den einschlägigen Gazetten als Drum’n Bass Band tituliert. Auf mich wirkt ihre Musik eher wie Linkin Park ohne deren markantes Scratching. Auch Ähnlichkeiten zu Trent Reznor’s Nine Inch Nails sind vorhanden. Der Sänger Rob Swire hat allerdings längst nicht das charisma-tische Auftreten des musikalischen „Hardcore“- Interpreten Reznor. Das scheint er auch zu wissen. Während des gesamten Auftrittes springt er wie von der Tarantel gestochen von einem Ende der Bühne zum nächsten. Diese Band bei den ersten drei Stücken zu fotografieren, ist insbesondere aufgrund des Einsatzes einer überwiegend stroboskopartigen Lightshow extrem schwierig. Schnell wechselnde Gegenlichtsituationen lassen die Bandmitglieder oft nur schemenhaft erkennen. Diese Art von Performance scheint bewusst gewählt zugunsten eines nur schwer zu fassenden optischen und musikalischen Gesamtkunstwerkes. Kein Wunder, dass die schnellen Beats von Pendulum mittlerweile auch bei (schnellen) Computerspielen  eingesetzt werden. Um Mitternacht endet der famose Auftritt von Pendulum. Mich konnten sie, wie viele andere Besucher auch, wahrhaft begeistern. Als Fotograf hätte ich aber gerne eine weitere Chance.

Bildergalerie | Pendulum


Sonntag, 14.08.2011

Am Nachmittag regnet es dauerhaft und stark. Es scheint überhaupt nicht aufzuhören. Kaum bin ich wieder in Rothenburg angekommen, schlägt das Wetter allerdings um, der Himmel klart auf.

The Subways haben als klassische Rock-Trio-Formation (Gitarre, Bass, Schlagzeug) die undankbare Aufgabe, das verloren geglaubte Publikum wieder auf den Platz zu bringen. Das gelingt ihnen auch vorzüglich. Blickfang ist in erster Linie die blonde Bassistin Charlotte Cooper, die sich immer wieder mit dem Gitarristen und Sänger Billy Lunn musikalisch duelliert. Nebenbei werden neue Stücke, unter anderem It’s A Party, der im September 2011 erscheinenden neuen CD vorgestellt. Höhepunkt Ihrer Party im Taubertal ist der Moment, als Sänger Billy sich in einem blauen Kinderpool hinaus ins Publikum tragen lässt und danach das rettende Ufer der Bühne auch tatsächlich wieder erreicht.

Bildergalerie | The Subways



Die Dropkick Murphys sind für mich persönlich eine der großen musikalischen Neuentdeckungen des Festivals. Sie werden als irisch-amerikanische Folk-Punk-Band aus Boston, Massachusetts gehandelt. Für mich sind sie ganz einfach eine würdige, allerdings wesentlich rockigere, Fortsetzung des Vermächtnisses der alten Pogues. Wen wundert’s also, dass Shane McGowan, Sänger der Pogues,  auf dem Album Sing Loud, Sing Proud  vertreten ist. Die Verschmelzung von irischer Folklore mit Rockmusik ist selten so überzeugend gelungen. Hier sind sicherlich beim einen oder anderen Neuerwerbungen von CDs vorprogrammiert worden. Diese ausgelassene Stimmung will man sich doch allzu gerne in die heimischen Wände holen.

Bildergalerie | Dropkick Murphys



Die Fantastischen Vier liefern mit einem 90-minütigen Set einen absolut würdigen Abschluss der drei tollen Tage im Taubertal. Ich war erst skeptisch, wie sich der Stuttgarter Hip-Hop in das Gesamtkonzept des Festivals einfügen würde. Die Skepsis war komplett unbegründet, Fanta 4 waren großartig, die Show, auch ihre Lightshow, auf internationalem Niveau. 

Bildergalerie | Fanta 4




Zusammenfassend kann ich von diesem Festival also nur Positives berichten. 

Problem dieser musikalischen Großveranstaltung ist immer wieder das umfangreiche und aufgrund von Gleichzeitigkeiten eben auch immer nur fragmentarisch wahrnehmbare Programm. Obwohl sich die Veranstalter hier um Newcomer auf der so genannten Sounds-For-Nature-Bühne bemühten, flüchteten sich doch die meisten Zuhörer täglich ab 15:00 zur Hauptbühne. Meine Kurzausflüge am Freitag- und Samstagnachmittag zur Emergenza, einem Nachwuchsfestival in Turnierform, führten mich zu den Bands Lebelle (Aus) und Envy (NO). Beide boten durchaus interessante und vielversprechende Auftritte. Wer tatsächlich Sieger dieses Wettbewerbs wurde, geht bis heute aus der aktualisierten Homepage vom Taubertal-Festival leider nicht hervor. Ich habe den Auftritt der Erstplazierten aus Zeitgründen leider verpasst! Schade! 

Schauen wir nun gespannt auf das nächste Taubertal-Festival vom 10. bis 12. August 2012. Die Patti Smith Band wäre für mich eine ähnliche Attraktion wie im Jahr 2011 die Stooges. Die Auftritte solcher Legenden bergen allerdings regelmäßig die Gefahr der Entzauberung alter Rockhelden. Nehmen wir’s also so, wie’s kommt.

Möge das Taubertal-Festival Musiker und Publikum auch weiterhin mit einem musikalisch möglichst bunten Programm verwöhnen. Dass der Veranstalter die Dramaturgie in der Abfolge der unterschiedlichen Bandauftritte beherrscht, hat er im Jahr 2011 erneut eindrucksvoll bewiesen.

© Gerald Langer

Dieser Beitrag erschien am 18.08.2011 bei music2web.de.

Über dieses Online-Magazin erhielt ich damals eine Akkreditierung mit Fotopass.

Der Bericht selbst ist derzeit leider nur fragmentarisch auf deren Homepage vorhanden.

Vielen Dank an music2web.de dennoch an dieser Stelle, auch für die Geduld, was den damaligen elektronischen Bilderversand anging.

Meine Frau und ich waren nach dem Festival auf Usedom in einem Quartier untergebracht, welches WLAN versprach, allerdings nicht überall. Die beste Möglichkeit, online zu gehen, war die im Auto, mit dem Notebook auf dem Schoß und meinem damaligen Smartphone als Router.

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