Reinhard Lakomy: AËR (2026)

© Reinhard Lakomy Aer Album 2026
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Reinhard Lakomy

Album: AËR
VÖ: 28.08. 2026
Format: Vinyl, CD, digitaler Download oder Steam
Label/Vertrieb: Lacky Musik / Broken Silence
Internet: https://www.traumzauberbaum.de/erschaffen/die-erfinder



Rezension

„AËR“ – Eine Wiederveröffentlichung mit Nachhall

Reinhard Lakomys „AËR“ ist kein Album, das sich beim ersten Hören erschöpft. Es ist eine Klanglandschaft, die sich langsam öffnet – zwischen elektronischen Texturen, orchestralen Gesten, klassischen Anklängen und einer Melancholie, die nie ins Sentimentale kippt.

Dass dieses bereits 1991 erschienene Studioalbum nun erneut erhältlich ist, ist eine späte, aber überfällige Würdigung eines Musikers, der in der DDR wie nach der Wende zu Unrecht vor allem auf bestimmte Rollen reduziert wurde.

Lakomy, der 2013 starb und 2026 seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, ist den meisten als Schöpfer des „Traumzauberbaum“ und als Liedermacher bekannt.

Doch parallel dazu entwickelte er eine eigenständige elektronische Musik, die weder der Berliner Schule um Tangerine Dream noch den großen Synthesizer-Erzählern des Westens einfach nacheiferte.

„AËR“ ist dafür ein weiterer Beleg.

Lakomy selbst beschrieb seine Arbeit als Musik, „die mit entsprechenden Mitteln hergestellt wurde“, ohne Scheu vor der Verbindung von Orchesterklang, Elektronik und allem dazwischen.

Ein Album aus der Nachwendezeit

Die Erstveröffentlichung von „AËR“ erfolgte 1991 auf dem kleinen Hamburger Label Erdenklang, also in einer Zeit, in der die ostdeutsche Kulturlandschaft radikal umgeordnet wurde. Institutionen verschwanden, Vertriebswege zerbrachen, und viele Künstler, die in der DDR eine beachtliche Öffentlichkeit gehabt hatten, mussten sich neu positionieren.

Reinhard Lakomys elektronisches Werk geriet dabei in den Hintergrund; das Album fand im ersten Anlauf tatsächlich nicht die Aufmerksamkeit, die ihm künstlerisch zugestanden hätte.

Genau darin liegt der Wert der aktuellen Neuauflage. Sie stellt „AËR“ nicht als kurioses Zeitdokument aus, sondern als eigenständiges Werk mit aktueller Relevanz. Die Tracklist blieb unverändert, doch das neue Artwork signalisiert den Bezug zur Gegenwart.

Es geht also nicht um Nostalgie, sondern um eine erneute Begegnung mit einer vertrauten Klangsprache.

Klang zwischen Orchester und Synthesizer

Das Album beginnt mit „Stille mit italienischen Gedanken“, einem Stück, das zunächst fast süßlich wirkt.

Doch Lakomy belässt es nicht bei dieser zugänglichen Einstimmung. Schon bald weitet sich der Horizont. Synthesizerflächen werden zu Räumen, Rhythmen gewinnen Dringlichkeit, und immer wieder brechen orchestral anmutende Passagen durch die elektronische Oberfläche.

Der Titeltrack selbst entfaltet eine fast symphonische Dramaturgie; keine bloße Aneinanderreihung von Sounds, sondern eine Erzählung aus Spannung, Entfaltung und Rücknahme.

Hier zeigt sich, warum Reinhard Lakomy als Elektronik-Pionier der DDR gilt. Seine Musik ist nicht primär technikfixiert; die benutzten Klangmaschinen sind Mittel, nicht Selbstzweck.

Eine verlässliche Liste der verwendeten elektronischen Instrumente ist in den öffentlich zugänglichen Credits nicht dokumentiert.

Der Track „Heimweh (Auf monotonem Xylophon)“ verweist ausdrücklich auf ein Xylophon beziehungsweise dessen elektronische Nachbildung.

Das ist ein subtiler Hinweis darauf, wie Lakomy arbeitet. Akustische Klangbilder werden nicht einfach imitiert, sondern in eine synthetische, oft leicht entrückte Klangwelt überführt.

Entscheidend ist dabei die dramaturgische Idee – die Fähigkeit, aus Klangfarben Räume, Bewegungen und Gefühle zu formen.

Lakomy klingt dabei keineswegs wie eine ostdeutsche Antwort auf westliche Vorbilder.

Seine Ästhetik ist eigenständig, gelegentlich rau, oft stärker klassisch geprägt.

Gerade diese Unverwechselbarkeit macht „AËR“ auch für Hörer interessant, die elektronische Musik normalerweise nur als historisches Genre wahrnehmen.

Hörer sollten sich Zeit nehmen

Wie bei vielen konzentrierten Elektronik-Alben braucht „AËR“ Zeit zum Einhören und Einstimmen.

Der Titel „Heimweh (Auf monotonem Xylophon)“ nennt ein konkretes Instrument. Es ist ein Hinweis darauf, wie Lakomy akustische Vorstellungen in seine elektronische Sprache übersetzt.

Die Dramaturgie des Albums verlangt dem Hörer allerdings auch etwas ab. Wer eingängige Melodien oder klare Songs sucht, wird nicht immer fündig. Lakomys Stücke entwickeln sich eher wie Instrumental-Erzählungen; sie brauchen Aufmerksamkeit, gute Lautsprecher bzw. Kopfhörer und die Bereitschaft, sich auf seine Kompositionen einzulassen.

Doch gerade diese Ansprüche machen das Album lohnend. Es ist gewiss keine Hintergrundmusik, sondern eine Einladung zum genauen Zuhören.

Bedeutung des Albums

Die Neuauflage von „AËR“ erscheint auf Lacky Musik, dem von Monika Lakomy weitergeführten Label. Sie ist damit Teil einer größeren Anstrengung, Reinhard Lakomys elektronisches Werk wieder sichtbar zu machen.

Der posthum veröffentlichte Konzertmitschnitt „Palastkonzert“ aus dem Berliner Palast der Republik von 1983 ist erst vor wenigen Monaten erschienen.

Diese weitere Wiederveröffentlichung ist dennoch kein simpler Dienst am Backkatalog von Reinhard Lakomy. Sie korrigiert vielmehr einen bis dato musikhistorischen blinden Fleck und macht hörbar, dass elektronische Musik in der Nachwendezeit nicht nur ein Randphänomen war, sondern von Künstlern wie Lakomy mit ernsthaftem Anspruch und bemerkenswertem Erfindungsgeist betrieben wurde. Und das nicht erst nach dem Mauerfall, sondern bereits Jahre zuvor.

„AËR“ ist ein wichtiges, reifes und atmosphärisch dichtes Werk. Als Wiederveröffentlichung für Freunde elektronischer Musik zudem eine echte Wiederentdeckung.

Es erinnert daran, dass Reinhard Lakomy nicht nur der Mann hinter dem „Traumzauberbaum“ war, sondern eben auch ein ambitionierter Klangforscher, dessen Musik heute noch immer frisch klingt.

„AËR“ ist in Reinhard Lakomys Diskografie das vierte reine Elektronik-Album und zugleich ein spätes, reifes Zeugnis seiner zweiten künstlerischen Identität.

Lakomy hatte mit „Das geheime Leben – Electronics“ (1982) und „Der Traum von Asgard – Electronics“ (1983) bereits zwei wesentliche Elektronik-Alben vorgelegt. Im Jahre 1994 veröffentlichte er zudem mit Rainer Oleak das Album „Zeit“.

„Das Album AËR“ schließt diese Entwicklungsphase ab, die sich über knapp ein Jahrzehnt erstreckte. Lakomy überzeugt als Komponist, Instrumentalist, Arrangeur und ursprünglich auch als der zentrale Ausgestalter der Produktion.

© Gerald Langer


Pressetext

Neuveröffentlichung auf dem künstlereigenen von Monika Lakomy betriebenem Label Lacky Musik:

Reinhard Lakomys Elektronik-Album „AËR“ von 1991 erscheint im Zuge des Gedenkens an den Küsntler und seinen 80. Geburtstag erneut als CD im Digisleeve sowie als Vinyl-LP mit bedruckter Innenhülle.

„AËR“, eine neue klangliche Sprache: neue Instrumente, neue Sounds, ein konsequent eigenständiger Ansatz. Reinhard Lakomy orientierte sich bewusst nicht an der Berliner Schule um Tangerine Dream herum, er formte eine eigene, unverwechselbare Ästhetik, die andere Wege ging.

Sein Ausdrucksradius hatte sich ungemein vergrößert, sein ungeheurer, schier unendlicher Klangfarbenreichtum bleibt aber dennoch immer klar konturiert. Lakomy selbst beschrieb das Album so:

„Es ist einfach Musik, die mit entsprechenden Mitteln hergestellt wurde – ohne Hemmschwelle zwischen Orchesterklang, elektronischem Klang und allem, was gerade möglich ist.“ (Zitat Funkhaus Berlin, Radiobar, 1991).

Knapp zehn Jahre nach seiner ersten „Electronics“-Platte präsentierte „Lacky“ mit „AËR“ ein reifes, in sich geschlossenes Werk, das seine bisherigen Erfahrungen bündelte und in neue klangliche Dimensionen führte.

Damals in der turbulenten Nachwendezeit auf dem kleinen Hamburger Label Erdenklang veröffentlicht, erreichte dieses Album leider nicht die ihm angemessene Aufmerksamkeit.

Umso schöner, dass jetzt diese Wiederveröffentlichung mit komplett neu erstelltem Artwork. Zugleich bietet die Neuauflage die Gelegenheit, dieses besondere Kapitel von Lakomys elektronischem Schaffen neu zu entdecken und seine eigenständige Klangwelt wieder in den Fokus zu rücken.

© Mosaik Music Promotion


Tracklist

Seite A

01. Stille Mit Italienischen Gedanken
02. Wasserspiel Über Bunten Steinen
03. Sonntagsanzug Im Frühwarmen Winde
04. Der Alte Baum (nur auf CD)
05. Koyanis
06. Uno, Due, Tre.. (nur auf CD)
07. Capoliveri
08. Balkan-Interludium
09. Heimweh (Auf Monotonem Xylophon)
10. Aer
11. Abschied


Credits

Aufnahme: 1991
Tonstudio: Reinhard Lakomy
Produktion: Monika Erhardt Lakomy
Cover Bild: Anja Spindler
Text: Markus Schickel
Artwork: Niall MacDomhnall