Paulo Almeida
Album: Love In Motion
Format: CD, Digital
VÖ: 24.04.2026
Label/Vertrieb: DOX Records
Website: https://www.pauloalmeidadrummer.com
Inhaltsverzeichnis
Rezension
Mit Love in Motion legt Paulo Almeida sein mittlerweile sechstes Album vor, das seinen künstlerischen Ansatz weiter schärft.
Der in Basel lebende brasilianische Schlagzeuger, Perkussionist und Vokalist denkt Musik hier nicht in vertrauten Rollen von Begleitung und Melodie, sondern als dynamisches Geflecht aus Stimme, Rhythmus, Harmonie und Interaktion zwischen allen beteiligten Musikern.
Almeida verwendet das Schlagzeug nicht bloß als metrischen Motor, sondern als farbiges, atmendes Instrument, das mit dem Ensemble spricht, statt es ausschließlich rhythmisch anzutreiben.
Der Entstehungsprozess erklärt viel von der Wirkung dieser Musik.
Der Brasilianer entwickelte die Stücke zunächst am Klavier, sang Ideen vor und übertrug sie erst danach auf das Schlagzeug und seine Band. Diese Vorgehensweise hört man dem Album an.
Die Stücke wirken nicht wie auf Groove basierende Jazznummern, sondern wie organisch gewachsene Miniaturen, in denen sich melodische Linien, vokale Gesten und rhythmische Figuren gegenseitig formen.
Dadurch entsteht eine Musik, die unsere Aufmerksamkeit verlangt, diese aber mit einem tiefen Musikerlebnis belohnt.
Bewegung bedeutet hier nicht nur Tempo oder Drive, sondern auch innere Unruhe, sanftes Gleiten, Rücknahme und Reibung.
In Stücken wie „Burning Skin“ oder „Saudade“ wird das deutlich:
Das eine trägt eine nervöse Spannung in sich, das andere lebt stärker von schwebender Melancholie und offener Form. Almeida zeigt, dass Rhythmus nicht immer im Vordergrund stehen muss, um wirksam zu sein. Er kann auch im Hintergrund pulsieren, als strukturelle Energie, die alles zusammenhält, wie das menschliche Herz, dessen Schlagen uns leben lässt, ohne dass wir es andauernd spüren.
Auch die Besetzung trägt wesentlich zur Stärke des Albums bei.
Mit Lorenzo Vitolo an Piano und Synths, Josh Schofield an Alt- und Sopransaxofon sowie Joan Codina am Kontrabass steht Almeida ein Quartett zur Seite, das die Balance zwischen Klarheit und Offenheit findet; in einzelnen Tracks kommen zudem Jorge Rossy an den Vibraphonen und Lisette Spinnler als Stimme hinzu.
Die beiden Gäste wirken nicht wie dekorative Ergänzungen, sondern erweitern den Klangraum sinnvoll. Vor allem die vokalen Momente machen deutlich, dass Stimme bei Almeida nicht bloß Ausdruck, sondern kompositorisches Werkzeug ist.
Bemerkenswert ist auch, wie selbstverständlich Almeida brasilianische Herkunft und europäische Gegenwart zusammenführt.
Die Musik lehnt sich nie nostalgisch an Folklore an, verschließt sich aber ebenso wenig vor rhythmischer Erdung. Stattdessen entsteht zeitgenössischer Jazz, der Herkunft nicht als Etikett, sondern als lebendige Praxis versteht.
Love in Motion ist damit ein reifes, anspruchsvolles und sehr persönliches Album: kein lautes Statement, sondern ein präzise gebautes Werk über das Unterwegssein, das Zuhören und das ständige Aushandeln musikalischer Identität.
Pressemitteilung
Der mittlerweile in Basel lebende Schlagzeuger Paulo Almeida geht an das Komponieren ebenso fließend heran, wie er sich zwischen Kontinenten und Traditionen bewegt, und Love in Motion macht diesen Prozess hörbar.
Das Studioalbum entstand während einer intensiven Phase am Klavier, in der er Ideen gesanglich durchspielte, bevor er sie auf das Schlagzeug und seine Band übertrug. Almeida arbeitet am liebsten auf diese Weise. Er nutzt seine Stimme nicht als Verzierung, sondern als kompositorisches Werkzeug, um eine Richtung zu formen und zu phrasieren, noch bevor auch nur ein einziges Schlagzeugmuster feststeht.
Das Singen begleitet ihn seit seiner Kindheit, und hier wird dieser Hintergrund unmittelbar spürbar. Er fügt sich ganz natürlich in seine Herangehensweise an das Schlagzeug ein. Anstatt es als rein rhythmischen Motor zu betrachten, versteht Almeida es als Instrument der Klangfarbe, der Kontur und der melodischen Präsenz. Das Schlagzeug gibt nicht einfach nur den Takt vor; es ist an dessen Gestaltung beteiligt und reagiert auf Atem und Phrasierung, anstatt eine Struktur aufzuzwingen.
Dieser Ansatz setzte sich auch im Aufnahmeprozess fort. Das Album entstand in Zusammenarbeit mit Musikern aus Almeidas engstem Kreis in Basel – Musikern, die seine Sprache verstehen, darunter Lorenzo Vitolo, Josh Schofield und Joan Codina, sowie ein Gastauftritt des einflussreichen und international anerkannten Jorge Rossy. Die Sessions wurden weniger von festen Arrangements als vielmehr vom gegenseitigen Zuhören und kollektiven Abstimmen geleitet. Die Rollen innerhalb der Band wechseln auf subtile Weise, und die Musik entfaltet sich eher durch gemeinsames Gespür als durch Hierarchien.
In diesem Zusammenhang bildet Almeidas langjährige Verbindung zum brasilianischen Komponisten Hermeto Pascoal einen roten Faden. Da er an Orten studiert hat, an denen Pascoals Musik im Mittelpunkt stand, und mit Musikern aus dessen Umfeld zusammengearbeitet hat, führt Almeida diese Tradition hier fort und bewahrt dabei die Unmittelbarkeit und spirituelle Offenheit, die Pascoals Einfluss auf ihn seit jeher geprägt haben.
Love in Motion präsentiert Almeida nicht unter einem einzigen stilistischen Etikett, sondern durch eine fortwährende Auseinandersetzung mit Struktur, Atem und Interaktion. Das Stück vereint brasilianische Wurzeln, einen europäischen Kontext und ein klares Bewusstsein für die eigene Tradition und zeichnet so ein fokussiertes Porträt eines Künstlers, der seine Ausdrucksweise verfeinert, dabei aber stets eng mit ihren Ursprüngen verbunden bleibt.
© hubtone PR
Paulo Almeida zu den Tracks
„Burning Skin“ – Ich habe diesen Song in einer Zeit geschrieben, in der ich mit Angstzuständen zu kämpfen hatte, und eines der Symptome war ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Die Melodie ist stark von Hermeto Pascoal beeinflusst, der mich mein ganzes Leben lang inspiriert hat.
„Um Sopro“ – Dieser Song entstand aus der Reflexion darüber, dass das Leben wie ein Atemzug ist – „sopro“ auf Portugiesisch. Die Musik wurde von den Ideen von Malcolm Braff inspiriert, einem Komponisten, mit dem ich auch das Vergnügen hatte, zusammenzuspielen.
„Lembranças do Boi“ – Dieses Stück wurde von der brasilianischen Kulturbewegung „Boi do Maranhão“ sowie vom Impressionismus inspiriert, bei dem Rhythmus und Melodie manchmal die Rollen tauschen.
„Nenhum Talvez“ (Hermeto Pascoal) – Dieser Song wurde erstmals von Miles Davis aufgenommen, nachdem er Hermeto Pascoal kennengelernt hatte. Da Hermetos Musik mich tief geprägt hat, habe ich ihn zu seinen Ehren aufgenommen und die wunderbare Schweizer Sängerin Lisette Spinnler eingeladen, mich dabei zu begleiten.
„Wintermorgen“ – An einem Wintermorgen während der Entstehungszeit des Albums kam mir diese Melodie auf einmal in den Sinn. Ich schickte sie an Lorenzo Vitolo, um zu erfahren, wie er sie harmonisch umsetzen würde, und so begann unsere erste Zusammenarbeit.
„Resilienz“ – Dieses Stück entstand in einer Zeit, in der ich über die Jahreszeiten in Europa nachdachte. Da ich aus Brasilien stamme, war der Winter etwas Neues für mich und erforderte Widerstandsfähigkeit. Ich habe diesen Gedanken auch mit Claude Monets „Les Nymphéas“ verglichen – in der Überzeugung, dass ein Musikstück, genau wie diese Gemälde, bei jeder Aufführung ein neues Licht auf sich werfen kann.
„Saudade“ – „Saudade“ ist eines der schönsten Wörter im brasilianischen Portugiesisch, und es lässt sich nur schwer genau übersetzen. Ich habe diesen Song in einem nachdenklichen Moment geschrieben, als ich Heimweh nach meiner Heimatstadt, meinen Freunden und meiner Familie hatte.
„Ipê“ – Ipê ist der indigene Name eines brasilianischen Baumes und eine der ältesten Kompositionen auf diesem Album. Für dieses Stück habe ich den großen Meister und Freund Jorge Rossy eingeladen, mit uns zu spielen.
„Saci“ – Saci ist eine legendäre Figur der brasilianischen Kultur – ein einbeiniger Schelm, der durch den Wald hüpft und ihn beschützt. Dieser Song versucht, diesen Geist einzufangen. Im zweiten Teil habe ich mich stark von Paul Motian inspirieren lassen.
Paulo Almeida – Kurzporträt
Paulo Almeida ist ein brasilianischer Schlagzeuger, Perkussionist und Komponist, der in Basel lebt. In den letzten zehn Jahren hat er sich als unverwechselbare Stimme in der brasilianischen Instrumentalmusikszene etabliert, indem er afro-brasilianische Rhythmen mit einem sehr melodischen Ansatz am Schlagzeug verbindet.
Er begann seine musikalische Ausbildung in São Paulo und setzte sie später am Konservatorium von Tatuí fort, wo er sowohl klassische als auch populäre Musik studierte und auf zahlreichen Festivals spielte.
Paulo unterrichtet an der Jazz Campus University in Basel, Schweiz, und ist zudem an zahlreichen weiteren Projekten in ganz Europa beteiligt.
2019/2020 nahm Almeida am Focus Year Band-Programm von Wolfgang Muthspiel in Basel teil und hatte dort die Gelegenheit, mit namhaften Musikern auf der Bühne zu stehen und von ihnen zu lernen.
Als Instrumentalist ist Almeida weltweit bei bedeutenden Festivals und in Jazzclubs aufgetreten und hat mit Künstlern wie Hermeto Pascoal, Dhafer Youssef, Guillermo Klein, Lionel Loueke, Wolfgang Muthspiel, Jorge Rossy, Anat Cohen, Ralph Alessi, Filó Machado und Leny Andrade zusammengearbeitet.
Neben seiner Tätigkeit als Bandleader unterrichtet er am Jazzcampus Basel und ist weiterhin in einer Vielzahl von Projekten in ganz Europa aktiv.
Zu seiner Diskografie als Bandleader zählen „Constatações“ (2013), „Corpo e Alma“ (2017), „Parceria“ (2017), „Unity – Live at Bird’s Eye Jazz Club“ (2020) und „Oferenda“ (2023) und nun auch „Love In Motion“ (2026).
Tracklist
1. Burning Skin 4.37
2. Um Sopro 6.46
3. Lembranças do Boi 5.23
4. Nenhum Talvez 5.50
5. Winter Morning 5.15
6. Resilience 4.19
7. Saudade 2.12
8. Ipê 5.52
9. Saci 5.12
Line-up
Lorenzo Vitolo – piano and synths
Josh Schofield – alto and soprano saxophone
Joan Codina – acoustic bass
Paulo Almeida – drums, vocals, percussion
Jorge Rossy – vibes in Ipê
Lisette Spinnler – vocal in Nenhum Talvez
Credits
All compositions by Paulo Almeida, except „Nenhum Talvez“ from Hermeto Pascoal and „Winter Morning“ in partnership with Lorenzo Vitolo.
Produced by Paulo Almeida.
Recorded by Guillem Salles at Jazz Campus in Basel in April 2025.
Mixed and mastered by Thiago Monteiro.
