Wilco: A Ghost Is Born (Deluxe Edition) – 9LP+4CD

wilco - a ghost is born deluxe edition
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Wilco

Album: A Ghost Is Born
Format: 9 LP plus 4 CD
VÖ: 07.02.2025
Label / Vertrieb: Nonesuch Records
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Inhaltsverzeichnis

Rezension (Box-Set)

Diese Super-Deluxe-Box zu A Ghost Is Born markiert Wilcos vielleicht konsequenteste Rückkehr in das „Labor“, in dem 2004 eines der schillerndsten und zugleich sperrigsten Alben der Bandgeschichte entstanden ist.

Statt eines üblichen Jubiläums-Remasters entfaltet diese Edition auf 9 LPs und 4 CDs ein breit angelegtes „Werkstattprotokoll“ vom nervös flackernden Songwriting über detailversessene Studioexperimente bis hin zu einem ausgedehnten Live‑Mitschnitt und den legendären „Fundamentals“-Sessions.

Das Boxset erzählt damit nicht nur die Geschichte eines Albums, sondern die eines Bandkollektivs, das in einer Phase persönlicher Krisen und Besetzungswechsel seinen Klang neu definierte.

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Klangwelt und Konzept

Natürlich steht das ursprüngliche Studioalbum von Wilco im Zentrum der gewichtigen Box und wirkt im neuen Kontext noch kompromissloser.

Die Mischung aus zarten, beinahe kammermusikalischen Balladen und eruptiven Noise‑Passagen klingt wie ein bewusst in Kauf genommener Riss durch das bis dahin etablierte Americana‑Image der Band Wilco.

Jim O’Rourkes Produktion unterstreicht diese Ambivalenz, indem sie kleine akustische Gesten genauso wichtig nimmt wie Gitarrenfeedback und Krautrock‑Grooves.

Die Deluxe‑Edition weitet diese Ästhetik aus, indem sie Alternativ-Versionen und Demos nebeneinander stellt und so den Fokus von der fertigen Form auf den Prozess verschiebt.

Man hört, wie Motive verschoben, Tempi variiert, Textzeilen ausprobiert und wieder verworfen werden. Damit eröffnet sich ein selten offener Blick auf das innere „Betriebssystem“ der Band.

Live‑Album und „Fundamentals“

Ein wesentliches Argument für diese Box ist das komplette 2004er Konzert aus dem Bostoner Wang Center, das hier ausführlich dokumentiert ist. Der Mitschnitt zeigt eine Band, die das fragile, studiozentrierte Material der Ghost-Sessions auf die Bühne überträgt und dabei mit Dynamik und Spontaneität arbeitet, statt die Klangdetails allesamt sklavisch zu reproduzieren.

Bekanntere Stücke aus der Yankee Hotel Foxtrot-Ära werden so in den neuen Kontext eingebettet und wirken wie Kommentare zu den damals aktuellen Songs.

Noch weiter öffnen die „Fundamental“-Sessions den Blick auf die Entwicklung, die Wilco zu diesem Zeitpunkt durchliefen.

Die langen, improvisierten Stücke sind keine bloßen Jams, sondern konzeptionelle Versuche, eine neue kollektive Sprache zu entwickeln – eine Suche nach „Grundlagen“, die dem fertigen Album seine experimentelle Erdung geben.

Die mehrteiligen, 20‑ bis 30‑minütigen Tracks verbinden perkussive Texturen, Feedbackschleifen, repetitive Pattern und abstrakte Klangflächen zu einem heterogenen Ganzen..

Verpackung, Kontext und Bedeutung

Neben der Musik enthält die Box ein 48‑seitiges Hardcover‑Buch mit bislang unveröffentlichten Fotos und neuen Liner Notes von Bob Mehr, der die Entstehungsgeschichte detailliert nachzeichnet.

Die Texte verorten das Album in der Zeit nach Yankee Hotel Foxtrot, einer Phase, in der Tweedys persönliche Krisen und die Umbesetzung der Band mit einer künstlerischen Radikalisierung einhergingen. Fotos aus Studio, Proberaum und Tour lassen diese Spannung zwischen Zerfall und Neuanfang visuell nachvollziehbar werden.

Spannend ist auch der Blick auf die Besetzungsgeschichte:

Die Sessions wurden mit Jeff Tweedy, John Stirratt, Leroy Bach, Glenn Kotche und Mikael Jorgensen eingespielt, während Jim O’Rourke als Co‑Produzent und klanglicher Ko‑Architekt fungierte.

Kurz nach Abschluss der Aufnahmen verließ Bach die Band; Pat Sansone und Nels Cline stießen dazu und prägten fortan den Live‑Sound von Wilco wie auch die folgende Studiophase.

Die Box macht so hörbar, an welcher Nahtstelle sich Wilco damals befanden – und wie entscheidend A Ghost Is Born für den späteren Status der Band als stilistisch nahezu grenzenloses Kollektiv war.

In Summe ist diese Super‑Deluxe‑Box weit mehr als ein nostalgisches Sammlerstück.

Sie fungiert als umfassendes Archiv einer kreativen Ausnahmesituation und zeigt, wie aus Unsicherheit, Experiment und persönlicher Krise eines der dauerhaft faszinierendsten Werke im Wilco‑Katalog entstehen konnte.

Kaufentscheidung

Ich habe zunächst gezögert, mir diese opulente und nicht gerade günstige Box von Wilco zuzulegen. In der Vorweihnachtszeit nahm ich dann ein unwiderstehliches Angebot wahr. Über die Weihnachtszeit habe ich mich durch diese Box gehört und muss feststellen, dass es gewiss kein Fehlkauf wahr. Gerade die „Fundamentals“ auf CD sind ein unglaublicher Mehrwert gegenüber der ursprünglichen Edition.

© Gerald Langer


Tracklist

Die 9LP/4CD‑Box präsentiert das ursprüngliche Album, umfangreiche Boni, den Boston‑Mitschnitt und die „Fundamentals“-Suite

LP 1: A Ghost is Born

Side A

At Least That’s What You Said
Hell Is Chrome
Spiders (Kidsmoke)

Side B

Muzzle of Bees
Hummingbird
Handshake Drugs

LP 2: A Ghost is Born

Side C:

Wishful Thinking
Company in My Back
I’m a Wheel
Theologians

Side D:

Less Than You Think
The Late Greats

LP 3: dBpm: Outtakes/Alternates 1

Side E

At Least That’s What You Said(8/13/02 SOMA-Chicago)
Hell Is Chrome(10/5/03 SOMA-Chicago)
Spiders (Kidsmoke)(9/28/03 SOMA-Chicago)
Muzzle Of Bees(7/15/03 SOMA-Chicago)

Side F

Hummingbird(2/8/02 SOMA-Chicago)
Handshake Drugs(11/13/03 Sear Sound-NYC)
Wishful Thinking(11/1/03 Sear Sound-NYC)
Company In My Back(2/8/03 Hothouse-St. Kilda, Melbourne, Australia)

LP 4: dBpm: Outtakes/Alternates 1

Side G

I’m A Wheel(August 2002 SOMA-Chicago)
Theologians(3/19/03 SOMA-Chicago)
Less Than You Think(11/11/03 Sear Sound-NYC)
The Late Greats(7/19/03 SOMA-Chicago)
Kicking Television(3/18/03 SOMA-Chicago)
The High Heat(2/5/02 SOMA-Chicago)

Side H

Panthers(March 2003 SOMA-Chicago)
Diamond Claw(3/21/03 SOMA-Chicago)
Bob Dylan’s 49th Beard(June 2002 SOMA-Chicago)
More Like The Moon(2/8/02 SOMA-Chicago)
Improbable Germany(10/7/03 SOMA-Chicago)

LP 5: Unstitched: Outtakes/Alternates 2

Side I

Handshake Drugs (First Version) (6/26/02 SOMA-Chicago)
Hummingbird (February 2002 recorded live during tracking at SOMA-Chicago)
The High Heat (2/4/02 SOMA-Chicago)
Spiders (Kidsmoke) (February 2002 SOMA-Chicago)

Side J

Diamond Claw (March 2003 SOMA-Chicago)
Muzzle Of Bees (October 2003 Sear Sound-NYC)
Like A Stone (11/10/03 Sear Sound-NYC)
Leave Me (Like You Found Me) (6/26/02 SOMA-Chicago)
Losing Interest (11/11/03 Sear Sound-NYC)

LP 6: Unstitched: Outtakes/Alternates 2

Side K

Old Maid (6/26/02 SOMA-Chicago)
Spiders (Kidsmoke) (August 2002 SOMA-Chicago)
Panthers (October 2003 Sear Sound-NYC)
Muzzle Of Bees (7/16/03 SOMA-Chicago)
Diamond Claw (10/9/03 SOMA-Chicago)

Side L

Losing Interest(7/20/03 SOMA-Chicago)
Spiders (Kidsmoke)(October 2003 SOMA-Chicago)
The Thanks I Get(6/26/02 SOMA-Chicago)
Two Hat Blues(March 2003 SOMA-Chicago)
Improbable Germany(January 2002 Pre-Production Loft session-Chicago)

LP 7: The Hook at The Wang (Live)

Live October 1, 2004 at the Wang Center-Boston, MA

Side M

Muzzle Of Bees
Company In My Back
I Am Trying To Break Your Heart
A Shot In The Arm

Side N

Hell Is Chrome
Handshake Drugs
Jesus, Etc.
Hummingbird

LP 8: The Hook at The Wang (Live)

Live October 1, 2004 at the Wang Center-Boston, MA

Side O

I’m Always In Love
At Least That’s What You Said
Ashes Of American Flags
Theologians

Side P

I’m The Man Who Loves You
Poor Places
Spiders (Kidsmoke)

LP 9: The Hook at The Wang (Live)

Live October 1, 2004 at the Wang Center-Boston, MA

Side Q

She’s A Jar
A Magazine Called Sunset
Kingpin
The Late Greats

Side R

I’m A Wheel
Via Chicago
California Stars
Christ For President


CD 1: Fundamentals 1 & 2

Fundamental 1
Fundamental 2

CD 2: Fundamentals 3 & 4

Fundamental 3
Fundamental 4

CD 3: Fundamentals 5 & 6

Fundamental 5
Fundamental 6

CD 4: Fundamental 7

Fundamental 7


Line‑up (Album/Sessions)

  • Jeff Tweedy – Gesang, elektrische Gitarre (u. a. auf „At Least That’s What You Said“, „Spiders (Kidsmoke)“, „Handshake Drugs“), akustische Gitarren (Bariton‑12‑String und 6‑String), akustischer 6‑Saiten‑Bass, Loops, Filter, Synthesizer
  • John Stirratt – Bass (Großteil des Albums), E‑Gitarre, Klavier, akustische Gitarre, Backing Vocals, zusätzliche Loops/Filter/Synths auf „Less Than You Think“
  • Leroy Bach – Klavier, Korg CX‑3‑Orgel, E‑Gitarre, Akustikgitarre, Vibraphon, Bass auf einzelnen Tracks, Beiträge zu Loops/Filter/Synth‑Texturen („Less Than You Think“)
  • Glenn Kotche – Schlagzeug (alle Songs), Percussion, Hammered Dulcimer, zusätzliche Loops/Filter/Synths („Less Than You Think“)
  • Mikael Jorgensen – Synthesizer, Klavier, RMI Rocksichord, Farfisa‑Orgel, modulare Synthesizer (u. a. Fenix, Serge), Stylophone

Gastmusiker und zusätzliche Credits

Neben dem Band‑Kern wurde das Album von einigen ausgewählten Gästen ergänzt.

  • Jim O’Rourke – Co‑Produktion, Klavier, Bass, elektrische Gitarren (Rhythmus und Lead), ARP 2600, Akustikgitarre, Korg CX‑3‑Orgel, Loops/Filter/Synths
  • Frankie Montuoro – Hammered Dulcimer (auf „Handshake Drugs“)
  • Karen Waltuch – Viola (auf „Handshake Drugs“)
  • Tim Barnes – zusätzliche Percussion (auf „Spiders (Kidsmoke)“)

Übergang zur Live‑Besetzung

Wichtig für den Kontext dieser Edition:

Leroy Bach verließ Wilco nach Abschluss der A Ghost Is Born‑Sessions; für die anschließende Tour stießen Nels Cline (Gitarre) und Pat Sansone (Keyboards, Gitarre, Gesang) zur Band, die seitdem das Live‑Rückgrat bildet.

Diese Konstellation prägt somit auch den Klang des Boston‑Mitschnitts und der späteren Live‑Dokumente rund um das Album. Cline und Patson gehören bis heute zur Stammbesetzung von Wilco.


Produktion und Credits

  • Produktion: Wilco & Jim O’Rourke
  • Aufnahme: Soma E.M.S. (Chicago), Sear Sound (New York)
  • Engineering: Chris Shaw, Mikael Jorgensen u. a.
  • Mix: Jim O’Rourke
  • Label: Nonesuch Records

Lesetipp

Konzertbericht: Wilco in der Alten Oper Frankfurt 11/2011


YouTube – Die Zeremonie des Auspackens


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