Laurie Anderson & Sexmob: Let X=X (Live)

Laurie anderson
©Laurie-Anderson_Sexmob_Let-xx-album-cover_nonesuch-record (2026)

Laurie Anderson

Album: Let X=X (Live)
Format:  3-LP Vinyl Box-Set, 2-CD Digisleeve, Digitaler Stream/Download
VÖ: 08.05.2026
Label/Vertrieb: Nonesuch Records (Warner Music Group)
Website (Künstlerin): https://laurieanderson.com
Website (Sexmob): https://www.stevenbernstein.net/sexmobmain/



Rezension (Album)

Den ersten Berührungspunkt mit Laurie Anderson hatte ich im Jahre 1984 bei einem Studienkollegen in Darmstadt. Er hatte sich das Album Mister Heartbreak – wie damals üblich auf Vinyl – zugelegt und mir vorgespielt. Ich hatte es kurz darauf auf eine Chromdioxid-Cassette kopiert und war begeistert, fand sich darauf auch ein Song, den sie mit Peter Gabriel eingespielt hatte: „Excellent Birds“.

Peter Gabriel veröffentlichte diesen Track – leicht modifiziert – einige Jahre später auf seinem Erfolgsalbum „So“. Ich habe diese Performance-Künstlerin seitdem nie aus den Augen verloren.

Anfang März 2005 besuchte ich eine Live Show von Laurie Anderson im BAM Harvey Theater (Spielort der Brooklyn Academy of Music) in New York. Mein Freund Holger hatte Karten für die Nachmittagsvorstellung besorgt. Laurie Anderson präsentierte dort im Rahmen eines zweiwöchigen Gastspiels ihre gefeierte, 90-minütige Solo-Performance „The End of the Moon“. Es war faszinierend.

Das immer noch aktuelle Album Let X=X (Live) von Laurie Anderson & Sexmob wurde am 8. Mai 2026 über Nonesuch Records veröffentlicht. Das ambitionierte Werk fängt die unbändige, avantgardistische Energie der US-amerikanischen Performance-Künstlerin und Musikerin ein, die sie zusammen mit der renommierten Jazzband Sexmob während einer großen Tournee im Jahr 2023 auf die Bühne brachte.

Benannt nach dem legendären Titel ihres bahnbrechenden Debütalbums Big Science (1982), blickt das Werk sowohl tief in die Vergangenheit als auch weit in die Zukunft experimenteller Pop- und Spoken-Word-Kunst.

Let X=X (Live) ist dabei weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Live-Aufnahmen; es ist stellenweise eine radikale Transformation. Wer Laurie Anderson vor allem durch ihren hypnotischen Minimal-Wave-Hit „O Superman“ von 1981 kennt, erlebt auf dieser Veröffentlichung eine überraschende, organisch pulsierende Interpretation.

Gemeinsam mit der New Yorker Post-Jazz-Combo Sexmob bricht Anderson die ehemals kühle, elektronische Ästhetik ihrer Klassiker auf und ersetzt sie durch ein groovendes, unvorhersehbares Zusammenspiel aus Blechbläsern, Saxophonen und treibenden Rhythmen.

Das über anderthalbstündige Live-Dokument umfasst insgesamt 23 Titel, die sich wie eine Werkschau durch vier Jahrzehnte einer unvergleichlichen Karriere ziehen. Stücke wie „From the Air“, „Walk the Dog“ oder das namensgebende „Let X=X“ gewinnen durch die Jazz-Strukturen von Sexmob eine völlig neue, plastische Tiefe.

Die Formation verleiht den Songs eine neuartige körperliche Präsenz, die die elektronische Kühle der Originale geschickt unterläuft. Die Arrangements atmen quasi. Sie lassen Raum für Atem, Nebengeräusche, Publikumsreaktionen und jene kleinen dramaturgischen Pausen, aus denen Anderson ihre größte Wirkung zu ziehen vermag.

Die New York Times lobte treffend, die Zusammenarbeit sei keine historische Rekonstruktion alter Aufnahmen, sondern eine lebendige Aneignung mit einer reichen Palette an strukturellen Variationen. Anderson selbst verknüpft dabei wie gewohnt ihre messerscharfen, oft humorvollen Spoken-Word-Reflektionen über Technologie, das amerikanische Leben und kosmische Absurditäten mit Loops und ihrer charakteristisch modifizierten Geige.

Ein emotionaler Höhepunkt des Albums ist die packende, fast achtminütige Interpretation von „Junior Dad“. Der Song stammt ursprünglich aus dem Kollaborationsprojekt Lulu ihres verstorbenen Ehemanns Lou Reed mit der Band Metallica.

In dieser Live-Fassung atmet das elegische Stück eine tiefe Intimität und bildet ein schmerzhaft schönes Zentrum innerhalb des avantgardistischen Klangteppichs.

Auch die visuelle Komponente kommt nicht zu kurz: Die opulente physische Veröffentlichung (als Dreifach-Vinyl und Doppel-CD) ist mit exklusiven Original-Gemälden aus Andersons eigener Feder gestaltet.

Let X=X (Live) dokumentiert eindrucksvoll, dass Laurie Anderson auch mit fast 80 Jahren eine der mutigsten und lebendigsten Pionierinnen der zeitgenössischen Kunst bleibt. Ein unverzichtbares Werk für Fans von anspruchsvollem Crossover aus Jazz und Modern Classic.

© Gerald Langer


Tracklist

Das Album wurde während der Tournee 2023 an verschiedenen Konzertorten live mitgeschnitten und anschließend aufwendig editiert und gemischt.

  1. From the Air – 5:44
  2. Good Evening – 3:27
  3. Cloud – 0:27
  4. Let X=X – 4:17
  5. It Tango – 2:54
  6. Drum Solo – 0:42
  7. Teachers – 3:59
  8. Story to No One – 3:46
  9. Gravity’s Angel – 5:53
  10. Ramon – 3:32
  11. New Angels – 2:20
  12. Walk the Dog – 8:21
  13. Looking at the Moon – 2:22
  14. Church of Panic – 3:35
  15. Dog Show – 1:29
  16. Junior Dad – 7:45
  17. O Superman – 9:10
  18. The Lake – 4:15
  19. Swimming – 3:51
  20. It’s Not the Bullet That Kills You – 3:08
  21. Only an Expert – 7:25
  22. What Are Days For? – 4:51
  23. How to Feel Sad Without Being Sad – 1:18

Line-up

Musik und Performance

  • Laurie Anderson: Gesang, Keyboards, Violine, Elektronik
  • Steven Bernstein: Trompete, Blechblasinstrumente (Sexmob)
  • Briggan Krauss: Saxophon, Gitarre (Sexmob)
  • Douglas Wieselman: Klarinette, Holzblasinstrumente, Gitarre (Sexmob)
  • Tony Scherr: E-Bass (Sexmob)
  • Kenny Wollesen: Schlagzeug, Perkussion (Sexmob)

Credits

Produktion und Technik

  • Produzentin: Laurie Anderson
  • Aufnahme-Ingenieure (Recording Engineers): Ryan Kelly, Laurie Anderson
  • Schnitt (Editing): Ryan Kelly, Laurie Anderson, Damien Quintard
  • Mischung (Mixing Engineers): Ryan Kelly, Damien Quintard (durchgeführt bei Canal Street Communications & Studio Miraval)
  • Mastering: Damien Quintard (Studio Miraval, Frankreich)
  • Songwriting: Alle Stücke geschrieben von Laurie Anderson, außer „Junior Dad“ (geschrieben von Lou Reed und Metallica).

Visuelle Gestaltung

  • Art Direction & Design: Masaki Koike, Laurie Anderson
  • Artwork (Cover- & Innengemälde): Laurie Anderson
  • Fotografie (Rückseite): Daniele Casadio

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