Heinz Strunk: Sie nannten ihn Dreirad (2015)

Heinz Strunk - Sie nannten ihn Dreirad - 2015
Heinz Strunk – Sie nannten ihn Dreirad – 2015

Heinz Strunk

Titel: Sie nannten ihn Dreirad
VÖ: 30.01.2015
Label: Audiolith
Format: CD, Download


Rezension (Album)

Heinz Strunks neues Album „Sie nannten ihn Dreirad“ entzieht sich erfolgreich allen gängigen Klischees.

Es ist für sich genommen tatsächlich (fast) einzigartig.

Ist es ein massiver Angriff auf unsere Lachmuskeln oder eine nur schwer verdauliche akustische Mahlzeit, die einem mehr im Halse als in den Ohren steckenbleibt, die man nach Genuss deshalb am liebsten auch gleich wieder heraus würgen möchte?

Der Hamburger Entertainer Heinz Strunk positioniert sich in dieser Angelegenheit in unnachahmlich bescheidener Art schlicht so:

„Ich wage mich erneut aus der Deckung meiner selbst gewählten Eremitage, der Isolationsfolter eines kargen Schriftstellerdaseins, um einen gewagten Schritt anzukündigen: Die  Veröffent-lichung meiner 1. (in worten: ERSTEN) reinen Musikplatte (heutzutage sagt man wohl CD oder so). Andere begeben sich in meinem Alter in den Vorruhestand, ich wage den Befreiungsschlag.

Die „fruchtigen Zwölf“ (DDR-Spruch für Pralinen) – in diesem Fall treffende Charakterisierung der 12 (in Worten ZWÖLF) Lieder sind selbstredend SEHR SEHR GUT. Es gibt nicht einen einzigen Durchhänger oder Pausenfüller oder ideenlosen Schrott. Gerade die Texte suchen ihresgleichen. Die es natürlich nicht gibt. Sui generis. Ich bin schon sehr streng, mein Umfeld ist noch strenger. Weshalb in den letzten 10 (in worten ZEHN) Jahren nicht ein einziger Rohrkrepierer meine muffigen Wände verlassen hat. 

Heute soll ein kleines Video, ein Clip, ein Filmchen einer kleinen, aber feinen, vor allem interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir konnten das beliebte Künstlerkollektiv Hgich.T feat. für die Realisierung gewinnen. Es ist deshalb ein typisches Hgich.T Video geworden, bei dem ich auch ein wenig rumrenne. Der eigentlich geile ist aber Dietrich Kuhlbrodt, ein fantastischer Mann. Ganz schön crazy! Trotz der vermeintlichen Trashigkeit hat es eine ganz eigene  Ästhetik. Die Doofen fragen jetzt natürlich: Welche Ästhetik? Antwort: Fleißig weiter machen und lernen und orientieren, vielleicht wird’s ja eines Tages. 

Am 30.1. ist es soweit, und CD und Vinyl erscheinen. Ich würde mal ganz unbescheiden sagen und gebetsmühlenhaft wiederholen, dass die meisten anderen einpacken können. Vor allem was die Texte betrifft. Es kann ja kaum jemand gute Texte schreiben leider. Schrecklich, fast alle deutschen Texte. Echt der letzte Scheißdreck.

Auch geil, dass das Ganze bei Audiolith rauskommt. Die sind nämlich COOL und menschlich 1A. Auch eine seltene Kombi. Ich finde meinen Buchverlag Rowohlt auch ganz toll, und am besten ist, dass BEIDES geht. Und warum? Weil ich es KANN. Weil es eben nicht peinlich und/oder schwach ist, sondern SEHR SEHR GUT. Aber das sagte ich ja bereits. Ab 4.2. gehe ich auf Riesentour mit allem Schnickschnack. Keine langweilige Lesung,  sondern PERFORMANCE. State of the Art. Das wird auch sehr gut.

Das Album trägt den programmatischen Titel „Sie nannten ihn Dreirad“. Mein damaliger Spitzname, weil ich ganz krumme und schiefe und streichholzdünne X und O Beine hatte,  und dauernd gestolpert bin. Da war vielleicht was los! Hat sich mit den Jahren dann zurecht gewachsen.

 Egal. Bitte um wohlwollenden Support.

Ihr und Euer stummer Diener HS“ 

Heinz Strunk

Der Inhalt von Heinz Strunks vertonter, in etwa fünfunddreißigminütiger Lesung, die  bezüglich der musikalischen Untermalung auch vor dem oft peinlichen Synthie-Sound der 1980er Jahre nicht Halt macht, kreist um die Themen Sex, Hässlichkeit, Alter oder die kollektive Verblödung, selbst durch Kochsendungen.

Die Titel seiner Songs allesamt skurril und irgendwie programmatisch für ein Werk, dass sich vordergründiger Ästhetik beim erstmaligen Durchhören konsequent verweigert. Heinz Strunk als Till Eulenspiegel, der uns den Spiegel vorhält, ohne uns als Moralapostel belehren zu wollen.

Ein Song hat es mir nach mehrmaligem Hören dann doch richtiggehend angetan:

„Aufnehmen bewerten handeln“. „Glück ist positiver cashflow…such dir Freunde, bevor du sie brauchst,….nur wer loslässt, hat beide Hände frei,…..mache eine Sache richtig, statt viele falsch…., die besseren Töpfe stehen auf den hinteren Herdplatten…! Wenn Du das Leben von hundert Millionen Menschen veränderst, bist du nicht erfolgreich. Das bist du erst, wenn du das Leben von einer Milliarde Menschen veränderst!“

Wie soll’s Heinz Strunk schon gehen, wenn schon vor über 10 Jahren Fleisch sein Gemüse war?

Er scheint die Welt nicht nur über die Sinnesorgane, sondern auch über die Verdauungsorgane in sich aufzunehmen, um sie anschließend in Versform zu erbrechen. Seine Tabubrüche sind alles andere als appetitlich. Insofern kann man sein Album jedenfalls all denen empfehlen, die schon Charlotte Roche’s Feuchtgebiete als Literatur empfunden haben. Und das waren überraschend viele Leserinnen und Leser, trotz der Einstufung als literarisch wertlos durch den damaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki.

An dieser Stelle sei der alberne, längst verstorbene, Heinz Erhardt zitiert:

„Es gibt Gerüchte,
dass Hülsenfrüchte in Mengen genommen,
nicht gut bekommen.
Das macht doch nichts, ich finde das fein.
Warum soll man nicht auch mal ein Blähboy sein!“

Heinz Erhardt

© Gerald Langer


Tracklist

01. Rien ne va plus
02. Geht ja gar nicht
03. Dackelblut
04. Scheißhausalien
05. Opa Làmour
06. Analdämpfer
07. Sex ohne Menschen
08. Überfall
09. Fernsehkoch
10. Langsame Esser
11. Aufnehmen bewerten handeln
12. Schwarzes Loch


Tour – Dreirad

04.02.15 Flensburg – Max
05.02.15 Lüneburg – Salon Hansen
06.02.15 Münster – Museum für Kunst und Kultur
07.02.15 Lingen – Centralkino
10.02.15 Berlin – Volksbühne
12.02.15 Lübeck – Filmhaus
13.02.15 Rostock – Mau Club
14.02.15 Potsdam – Waschhaus
16.02.15 Kiel – Metro Kino
18.02.15 Bremen – Schwankhalle
19.02.15 Köln – Gloria
20.02.15 Bielefeld – Skala
21.02.15 Hannover – Faust
22.02.15 Leipzig – Täubchenthal
23.02.15 Dresden – Groove Station
24.02.15 Würzburg – Kellerperle
25.02.15 Bochum – Bahnhof Langendreer
04.03.15 Düsseldorf – Zakk
05.03.15 Frankfurt – Mousonturm
06.03.15 Stuttgart – Wagenhallen
07.03.15 Heidelberg – Karlstorbahnhof
08.03.15 Regensburg – Alte Mälzerei
09.03.15 München – Freiheizhalle
10.03.15 Erlangen – E-Werk
11.03.15 Linz – Posthof
12.03.15 Graz – Literaturhaus
13.03.15 Wien – Rabenhof
23.03.15 Hamburg – Fabrik
24.03.15 Hamburg – Fabrik
05.05.15 Marburg – KFZ
06.05.15 Koblenz – Circus Maximus
07.05.15 Trier – Ex-Haus
08.05.15 Karlsruhe – Tollhaus
09.05.15 Aachen – Rathaus


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