Inhalt überspringen

Stahlwerk – Stahlwerk – Album – Review

Review / Tonträger / Album / Hörtipp.

 Stahlwerk_Stahlwerk_2020_Front_Web

Stahlwerk_Stahlwerk_2020_Front_Web

Künstler: Stahlwerk
Album: Stahlwerk
Format: CD, Digital
VÖ: 20.03.2020
Label: Hout Records, Basel
Website
Facebook


Ehrlich gesagt, im ersten Moment bin ich regelrecht zusammengezuckt, als ich eine E-Mail von Stahlwerk bekam. Assoziationen zu Stahlzeit, einer Rammstein-Tribute-Band, oder irgendwelchen Post-Rock, Industrial-Rock oder Gothic-Bands wurden erst einmal geweckt. Ja, ich war durchaus etwas voreingenommen. Als ich bemerkte, dass die Post aus der Schweiz kam, atmete ich erst einmal tief durch.

Schon beim ersten Durchhören des Albums Stahlwerk fing ich Feuer. Manchmal findet der Knochen tatsächlich auch den Hund.

Doch zurück zur Band.

Bei Stahlwerk handelt es sich um ein noch immer sehr junges Trio aus der Schweiz. Für die Kompositionen zeichnet, wie bereits beim Debüt Grund, der Basler Pianist Dominic Stahl verantwortlich. Zusammen mit Tobias Schmid am Schlagzeug und Francesco Rezzonico am Bass hat er mit dem selbstbetitelten zweiten Album ein weiteres Werk vorgelegt, das sich hier über zwölf Tracks, die vier sorgfältig aufeinander abgestimmte Sätze bilden, unangestrengt zwischen Jazz, Minimal Music und Klassik bewegt.

Die eigene Arbeitsweise beschreibt das Trio auf Bandcamp so:

“All tracks based on improvisations and on compositions by dominic stahl, joyfully ripped to pieces and reassembled live in the studio by stahlwerk”

Darüber hinaus:

Die Kompositionen sind Rohmaterial, welches bei jedem Auftritt spontan dekonstruiert, neu erfunden und zusammengestellt wird. Für dieses Album wollten wir diese Qualität auch im Studio festhalten, haben also sehr frei gespielt und lange Sequenzen zugelassen. Das Resultat sind Stücke, die in sich stimmig sind aber über das ganze Werk Bögen spannen – ein Beispiel davon, wie ein Konzert hätte klingen können.

Wenn ich ein Album bespreche, stelle ich den künstlerischen Anspruch zunächst hinten an.  Ich versuche für mich in Worte zu fassen, was die Musik bei mir als Hörer auslöst. Spricht mich das Album als Ganzes überhaupt an, habe ich das Gefühl vor lauter Ungeduld weiterklicken zu müssen oder kann ich mich über die gesamte Lauflänge einfach in die Musik hineinfallen lassen?

Stahlwerk schaffen es souverän, mich über knapp fünfzig Minuten zu fesseln. Nicht etwa,  in dem sie zu einem höchst strapaziösen, stark verkopften, Jazz-Exkurs einladen, sondern durch das Zusammenziehen der Tracks zu unterschiedlich langen Sequenzen, den Zuhörer gewissermaßen an die Hand nehmen, sodass er Stahlwerk in jede kleine zu entdeckende Nische, die das Album bietet, auch folgen kann.

Lediglich einmal kam ich als Zuhörer tatsächlich ins Straucheln, und zwar exakt bei Interlude 3.

Das Rascheln in den ersten beiden Minuten deutete ich zunächst als Störung meines Amps oder der Lautsprecherboxen. Ist womöglich die mir zur Bemusterung vorliegende Wave-Datei fehlerhaft? Diese Fehlerquellen konnte ich schnell ausschließen, denn auch der zum Vergleich aufgerufene Streamingdienst verzeichnete dieses “Störsignal”. Die Rückfrage bei der Band schaffte dann die erwünschte Klarheit.

“Meinst Du beim Klavier? Das wurde spontan von Dominic präpariert, wenn ich mich richtig erinnere, einfach mit einem Blatt Papier.”

Franceso Rezzonico

Okay!

Das großartige Finale des Albums ist im Übrigen zweigeteilt, also nicht etwa vorschnell die Stopp- oder Wiederholtaste am CD-Player drücken. Nach dem sich auftürmenden Windspiel/Sog kommt, etwas zeitversetzt, ein Hidden Track, ein kurzes Duett von Bass und Schlagzeug, das sehr abrupt endet.

Stahlwerk präsentieren mit ihrem gleichnamigen Album ein rundum gelungenes Werk, das mich stellenweise an das international besetzte Trio des Schweden Martin Tingvall erinnert, dabei aber mehr Ecken und Kanten hat und so einige Überraschungsmomente für den aufmerksamen Zuhörer parat hält.

In einem Stahlwerk wird mittels Hochöfen Roheisen gewonnen und aus selbigem anschließend Stahl hergestellt. Dort arbeiten Stahlwerker oder Stahlkocher. Namensgleiche oder namensähnliche Metal Bands arbeiten mit dem so gewonnenen, weiter unbearbeiteten, Material sprichwörtlich weiter. Das macht übrigens den Reiz dieses speziellen Genre aus.

Die Schweizer Band Stahlwerk setzt hier allerdings nochmals mit feinmechanischer Finesse an und schafft ein sehr nachhaltiges und differenziertes Hörprodukt, dass ich Jazzhörern und Minimalisten gerne weiter empfehle. Die saubere Durchhörbarkeit der sparsamen Instrumentierung von Schlagzeug, Bass und Piano macht auch beim mehrfach wiederholten Durchhören des Albums immer wieder Spaß.

© Gerald Langer (music-on-net.de)


Tracklist | Stahlwerk

01. intro
02. impression
03. shift
04. impression (reprise)
05. interlude 1
06. wind
07. winter
08. shifft II
09. flug
10. interlude 2
11. interlude 3
12. windspiel/sog

STAHLWERK-ALBUM_COVER_BACK_WEB
STAHLWERK-ALBUM_COVER_BACK_WEB

Line Up | Stahlwerk

Dominic Stahl // piano
Francesco Rezzonico // bass
Tobias Schmid // drums


Credits | Stahlwerk

Releases March 20, 2020 on HOUT Records, Basel.

All tracks based on improvisations and on compositions by Dominic Stahl, joyfully ripped to pieces and reassembled live in the studio by Stahlwerk.

Recorded by Andy Neresheimer at Hardstudios Winterthur, September 2019.
Forged by Francesco Rezzonico and Tobias Schmid.
Mixed and mastered by Andy Neresheimer.

Artwork by Sarah Grandjean.
Concept by Francesco Rezzonico.

Thanks to Peter Bürli and SRF2 Kultur, C. und A. Kupper Stiftung, Peter Keller, Daniel Dossenbach, our friends and families.


Diskografie | Stahlwerk

Grund (2016/2017)
Stahlwerk (2020)


 

Beliebte Beiträge

  1. Würzburger Posthalle und Theater Chambinzky bei der „Night of Light“ - Vorbericht
  2. ROGER WATERS - The Wall (2015) - BR - Review
  3. Umsonst und Drinnen - Posthalle Würzburg 2020 - Vorbericht
  4. Klaus Doldinger's Passport - Motherhood - Album - Kurzkritik
  5. High Ideals & Crazy Dreams - Hafensommer Würzburg 2015 - Konzertbericht
  6. The Inspector Cluzo - We The People Of The Soil - Album - Review
  7. Neil Young - Homegrown - Album - Kurzkritik
  8. Vaarin - Bitter Taste Of Goodbye - Digital EP - Kurzkritik
  9. Ola Onabulé - Point Less - Album - Review
  10. Newcomer Contest Bayern 2017 - Finalisten stehen fest
facebook-profile-picture Verfasst von:

„Chef-Redakteur“ dieses „Ein-Mann-Betriebes“ | inhaltlich verantwortlich für music-on-net.de (Magazin), music-on-net.photography (Konzertfotografie) und music-on-net.com (mein persönlicher Musikblog) | offen für Kooperationen

error: Please respect © copyright, content is protected!