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Bluegrass Festival Bühl 2018 – Pert Near Sandstone – Murder Murder – Review

Konzertbericht und Konzertfotos.
Bluegrass Festival Bühl 2018
Tag 1 – Josef Oechsle, Lagerhalle – 11.5.2018
Künstler: Pert Near Sandstone und Murder Murder
“Das Banjo war‘s”


Bluegrass für Dummies: Die komplette Mannschaft zupft äußerst virtuos an akustischen Saiten, ziemlich alle können singen, meist reicht ein Mikro – und das Banjo spielt immer der schräge Vogel.

Etwas umfassendere Genrebeschreibung: ländlicher Musikstil aus dem Südosten der USA, basierend auf den Einflüssen europäischer Einwanderer von Polka bis Klezmer. Regionaltypisch strenge Sittenkontrolle in Bezug auf Outfit, Attitude und stimmliche Ausprägung.

Aber auch: unterschwelliger bis unbändiger Humor, das Ganze etwas auf die Schippe zu nehmen oder einfach nur Spaß auf der Bühne zu haben. Sowie: Schmelztiegel für Musiker aller Gattungen, die sich mal wieder auf das Wesentliche besinnen wollen.

Bluegrass Festival Bühl: badische, 2-tägige Institution zur Rückführung obiger Musikrichtung in deren Ur-Ursprungsregion (Europa) in zweiter Generation und 16. Auflage. Mit besonderen Verdiensten für die nachhaltige Umgehung besagter Sittenkontrolle zwecks Erhaltung des Genres.

Noch stärker als letztes Jahr ist heute bei der Auftaktveranstaltung in der Werkstatthalle von Josef Oechsle Landmaschinen eine Verjüngung des Publikums von gefühlt anderthalb Generationen zu verspüren (s. auch Erhaltung des Genres). Dieses Jahr steht die Auftaktveranstaltung ganz im Zeichen der schrägen Vögel mit dem Banjo. Kleine Steigerung zu 2017: Beide Bands schon des Eröffnungsabends kommen über den Teich angereist. Auch im Publikum tummelt sich ein Grüppchen begeisterter Amis.

Pert Near Sandstone

Pert Near Sandstone – Bluegrass Festival Buehl 2018 © Joerg Neuner

Bldergalerie Pert Near Sandstone

Der Bandname Pert Near Sandstone bedeutet Ziemlich nah an Sandstone und besagt, dass Ihre Heimatstadt, die unbedeutende Metropole Minneapolis, nicht weit weg liegt von Sandstone, einem Minikaff ein Stück weiter nördlich … Bluegrass-Humor.

Hier im Mittelwesten haben sie jedenfalls genug Distanz zum Bluegrass-Geburtsstaat Kentucky, um einen artfremden Clogboard-Dancer den Rhythmus stampfen zu lassen. Die Stahlplatten an Matt Cartiers Schuhen bringen das hohle Holzbrett sofort in Wallung und schieben den Eröffnungssong gleich ordentlich an. Drei bis vier Sänger scharen sich um das einzige Mikro und shouten was das Zeug hält. J Lenz mit der Gitarre; Nat Sipe muss in dem Gedränge aufpassen, dass er mit dem Geigenbogen kein Auge aussticht; Justin Bruhn schleppt seinen upright Bass immer wieder von hinten nach vorne; dazwischen schielt Kevin Kniebel mit irrem Blick von einem zum anderen – er bräuchte nicht wirklich eine NASA-Cap, um der Welt etwas entrückt zu erscheinen.

Auf der Bühne ist Kniebel aber ein Mittelpunkt, steht immer wieder am Mikro, auch als Leadsänger. Und sein Banjo ist die treibende Kraft – außer natürlich, wenn sich Cartier auf dem Clogboard mal wieder überschlägt. Bei Appalachian Girl wird der dann mal in die Pause geschickt, die Gemüter kühlen etwas ab. Danach gibt es aber sofort weiter Partystimmung, bis zur Zugabe mit 20 Cups of Coffee hüpft das Publikum mit Cartier um die Wette und würde das wohl auch noch All Night Long machen.

Doch jetzt ist erstmal Pause, das Konzert-Konzept der offenen Halle wurde weiter verfeinert und die Flammkuchen mussten dieses Jahr einem stilgerechteren Burger-Foodtruck weichen. Das Wetter spielt übrigens wieder mit und auch während der Auftritte ist draußen am Bierstand reges Treiben. Das Ganze bekommt mehr und mehr Open-Air-Charakter.

Schon vor Beginn des zweiten Teils bestätigt sich die Furcht der Traditionalisten vor der rot-weißen Ahorn-Flagge. Auf der Bühne steht – ein Koffer. Kein Gitarren-, Banjo- oder Mandolinenkoffer, nein ein … kleiner Koffer – hochkant. Wäre allenfalls verwunderlich, wenn nicht darüber ein High-hat hinge und unter dem Shirt daneben etwas versteckt eine Snare-drum stünde. Vor dem Koffer ein Betonblock, dahinter ein Fußpedal. Die Kanadier haben wieder mal ein Schlagwerk eingeschleppt – mies getarnt noch dazu. Nicht so dezent wie einst 2012 die Quebec-Girls von My Darling mit Ihrem elektronischen Bass-pedal, als man sich noch gewundert hat, wo der kräftige Beat bloß herkommt. Aber seit The Dead South aus Ontario die letzten beiden Jahre mit ihrer kleinen gehörnten Bass-drum so richtig Stimmung gemacht haben, sind die Trommeln mehr oder weniger salonfähig geworden.

Murder Murder

Murder Murder – Bluesgrass Festival Buehl 2018 © Joerg Neuner

Bildergalerie Murder Murder

Festival-Mastermind Patrick Fuchs hat es bereits in seiner zweiten Auflage seit Übernahme vom Vater tatsächlich geschafft, sofort noch eine kräftige Schippe drauf zu legen. Die Jungs von Murder Murder kommen aus dem Norden Ontarios, der offensichtlich weniger tot ist als der Süden. Dabei ist der Tod ihr zentrales Thema. Die Jungs sind so begeistert von Räuberpistolen, dass der Name Programm ist – also umgekehrt. Alle Schauergeschichten sind rund um ihre Heimat angesiedelt.

Trotz des morbiden Themas, geht es hier um das Voranbringen von Traditionen. Muss ja kein totaler Bruch sein – nur ein bisschen Staub wegblasen. Die Kanadier wollen das dann auch nicht unbedingt als Bluegrass verstanden wissen, der ist mehr Inspiration. Sie nennen es Bloodgrass, Dirtgrass, Streetgrass…

Und um die Antwort auf die uralte Frage – Gärtner oder Butler – gleich vorweg zu nehmen: das Banjo war‘s. Wie bei Pert Near davor sticht der Mann am Banjo unter drei starken Sängern am stärksten hervor. Barry Miles ist so eine Mischung aus coolem Kevin Costner, der am Mikro mit durchdringender Falsett-Stimme und Turbo-Banjo-Picking zu einem irren Catweazle mutiert. Sam Cassio und Jon Danyliw geben mehr die dunklen und geheimnisvollen Sangesparts und wechseln sich alle paar Songs mit Mandoline und Gitarre ab – um das Publikum in die Irre zu führen?

Überwiegend ist aber Soundgewitter angesagt. Auch wenn Geoff McCausland mit der Geige mal fast klassische Geigentöne einstreicht, im nächsten Moment knallt Steph Duchesne einen Rahmenschlag auf die Snare, die drei anderen springen irgendwo auf der Bühne zusammen und über Hardrock-Riffs sind wir fast beim Punk.

Natürlich ist es vor allem der trockene Schlag auf den Koffer, der für Tempo sorgt. Die Dramatik kommt aber immer wieder vom durchdringenden Rhythmus des Banjos, das auch mal den Geiger in die Knie zwingt, dazu Miles‘ rollende Augen und schnarrende Stimme – deren Text man nicht immer versteht. Aber die Dramatik lässt keinen Zweifel daran, dass am Ende wieder einer verschwunden ist oder zumindest tot am Boden liegt.

Wobei … wenn Danyliw so an seiner Gitarre oder Mandoline rumzupfend schräg unter dem Hut vorlugt, weiß er sicher auch mehr, als er dem Mikro anvertraut.

Und … hat eigentlich jemand den Bassisten bemerkt? Kann jemand so unschuldig sein, wie Kris Dickson, der da hinten so gaaanz unbeteiligt an seinem Bass rumsteht?

Grandiose Show schon am ersten Abend des Festivals. Leider verpasse ich die Top Acts am Samstag. Nochmal zwei große Namen aus den USA, die zwei Generationen auf der Bühne zusammen bringen: Peter Rowan hat noch bei Altvater Bill Monroe gelernt, Jungstar Sierra Hull entlockt der Mandoline gänzlich neue, preisgekrönte Töne.

Man darf gespannt sein auf 2019!

© Jörg Neuner


Line-up – Pert Near Sandstone

Nat Sipe – mandolin, fiddle, vocals
Kevin Kniebel – banjo, vocals
J Lenz – guitar, vocals
Justin Bruhn – upright bass, vocals
Matt Cartier – clogboard

Setlist – Pert Near Sandstone

Paradise Hop
Okanagan Valley
Skillet
Wild Bill Jones
Animal Instinct
Bloom Again
Appalachian Girl
Bay Road
Uncover Me
Rattlesnake
Not Fault
Hell I Pan
Don’t Get Trouble
Ship of Fools
Shape I’m In
The Square

Encore

20 Cups Of Coffee
All Night Long

Nächste Termine:

27. Mai Sohren, Full Pull Festival


Line-Up – Murder Murder

Barry Miles – Vocals, Banjo
Jon Danyliw – Vocals, Guitar, Mandolin
Sam Cassio – Vocals, Guitar, Mandolin
Geoff McCausland – Fiddle
Kris Dickson – Upright Bass
Steph Duchesne – Percussion

Setlist – Murder Murder

Cypress
Jon And Mary
Duck Cove
The Last Daughter
Evil Wind
Half Hitch Knot
Bridge County, ‘41
Abilene
I’ve Always been A Gambler
Sharecropper’s Son
Movin’ On
Where The Water Runs Black
Cold Bartender’s Wife
When The Lord Calls Your Name
Pale Rider

Nächste Termine:

20. Mai Gaildorf, Carty Bar
21. Mai Moers Festival


2 Kommentare

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