33. Jazzfestival Würzburg 2017 – mein persönlicher Rückblick

Festivalbericht mit Konzertfotos

The BootyJive - Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

Festivalbericht und Konzertfotos
Das 33. Würzburger Jazzfestival im Rückblick
Jazz am 28. und 29. Oktober 2017 im Felix-Fechenbach-Haus Würzburg


Würzburg (music-on-net) – Der Sommer ist endgültig vorbei, die Bäume verlieren nach und nach ihre letzten Blätter, draußen ist es richtig ungemütlich geworden. Am liebsten bleibt man bei solchen Bedingungen am Samstagabend daheim. Die Parkplatzsuche im Würzburger Stadtteil Grombühl ist hingegen trotz Anwohnerparkens ausgesprochen schnell erledigt, der Weg in das Stadtteilzentrum Grombühl, das Felix-Fechenbach-Haus, ein Klacks, vor allem, wenn man die Kamera-Ausrüstung im Koffer hinterher zieht. Das Alter lässt einen auf Hilfsmittel zurückgreifen.

Um 19:00 soll es losgehen. Ich bin zeitig da und ergattere gegen 18:30 noch einen Spitzenplatz in der ersten Reihe. Nach und nach füllt sich das Auditorium mit Zuhörern, die sich überwiegend ebenfalls in der zweiten Lebenshälfte befinden dürften, aber, im Gegensatz zu mir, keinen Koffer dabei haben. Das 33. Jazzfestival Würzburg wird mit kurzen Intros von Jörg Meister, dem Vereinsvorsitzenden der Jazzinitiative Würzburg e.V, kurz Jazzini genannt,  und Muchtar Al Ghusain, dem Kulturreferenten der Stadt Würzburg, eröffnet. Der Jazz hätte es immer noch vergleichsweise schwer, sich Zuhörer zu verschaffen, so der Tenor des Kulturreferenten.

Umso besser, dass es den Würzburger Verein gibt, der das weite Spektrum dieser Musikgattung seit Jahrzehnten pflegt, an beinahe jedem 1. Mittwoch im Monat im Café WUNSCHLOS GLÜCKLICH, Bronnbachergasse 22R, 97070 Würzburg zwischen 19:30 und 22:00 live im Herzen der Mainfranken-Metropole präsent ist.

Stefan Hetzel führt seit Jahren kurz und prägnant durch das abendliche Programm des alljährlichen Jazzfestivals Würzburg.

Den Auftakt gestaltet Tobias Christl mit seinem Projekt Wildern. Christl wildert mit Peter Ehwald am Saxophon, Tobias Hoffmann an der E-Gitarre, Matthias Nowak am Kontrabass und Daniel Schröteler am Schlagzeug auf weiter Flur der Popmusik. Er knöpft sich unter anderen Prince, MC Hammer, die Beatles, auch die großartigen Talk Talk vor und gewinnt selbst dem  im Jahre 1985 in einer schieren Endlosschleife durch den Äther geblasenen Welthit “Take On Me” von A-ha  unerhörte Facetten ab. Tobias Christl, damals gerade einmal sieben Jahre alt, steuert bei der heutigen Präsentation Stimme und Keyboards bei. Der Song klingt plötzlich vertraut wie neu zugleich.

Tobias Christl Wildern – Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

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Als “Simple Songs” überschreibt das transatlantische Duo von Christian Muthspiel und Steve Swallow das noch immer aktuelle gemeinsame Programm, das auch auf CD erhältlich ist. Die Kompositionen, von den das Duo immer wieder zwei spannungsreich im Programm miteinander verklammert, hat sich der Einfachheit verschrieben, die allerdings sehr raffiniert und ausgetüftelt klingt.

Hier trifft ein ebenso wortgewandter österreichischer Jazz-Pianist, Komponist, Dirigent und Posaunist auf die mittlerweile 77-jährige US-amerikanische Bass-Legende Steve Swallow, deren musikalische Biografie große Namen des Jazz von Art Farmer, Stan Getz, Gary Burton bis Michael Brecker, George Benson und Herbie Hancock zieren.

Christian Muthspiel & Steve Swallow – Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

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Nach dem wunderbaren Auftritt ziehe ich meine Koffer bergauf in Richtung Auto. Für mich ist heute Abend Schluß, denn der Geburtstag eines Freundes darf ebenso gefeiert werden.  Das, den Abend beschließende, Black Project erlebe ich somit nicht mehr.

3_Jazzfest2017_blackproject_pressefoto_© Anna Logue
3_Jazzfest2017_blackproject_pressefoto_© Anna Logue

Den zweiten Festivaltag indes genieße ich in voller Länge und Vielfalt. Der Sonntagabend ist zudem bestens besucht, was in der Vergangenheit häufig leider nicht der Fall war und sicherlich nicht an der Programmauswahl lag, sondern wohl eher dem Umstand geschuldet war, das sich regelmäßig ein montäglicher Arbeitstag anschloss.

Susanne Alt & Pheel D. J. eröffnen mit einer Projektarbeit, die sich schon vor einigen Jahrzehnten in der Aula des Würzburger Matthias-Grünewald-Gymnasiums anbahnte. Susanne Alt traf dort den sechs Jahre älteren Johannes Liepold, später andernorts Dirk Rumig, beides Musiker, denen man sich in Würzburg und Umgebung kaum entziehen kann, wenn es insbesondere um experimentellen Jazz geht. Gab es wohl auch kaum ein Jazzfestival in Würzburg, bei dem nicht der eine oder andere, meistens sogar beide Lokalmatadoren, nicht gebucht waren.

Auch Susanne Alt hat besagte Würzburger Wurzeln, lebt allerdings seit mehr als zwanzig Jahren in Holland. Einige Studio- und Live-Alben hat sie mit der Formation Susanne Alt Quartett bereits veröffentlicht. Mut zum Experiment, insbesondere zur Zusammenarbeit mit diversen DJ’s, hat auch sie.

Mit DJ Pheel hat sie bereits eine lebendige Beatbox auf der Bühne, die noch weitere rhythmische Unterstützung durch die von Susanne Alt bedienten, vom Publikum aus  allerdings nicht einsehbaren “Turntables”, erhält. Insgesamt keine ganz leichte, stellenweise richtig funkige, Kost, die sie heute Abend im Beisein ihrer Familie präsentiert.

Susanne Alt & Pheel D.J. – Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

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Danach sind einige Anpassungsarbeiten auf der Bühne für Distances nötig, die in der Konsequenz zu einer aus drei Stühlen bestehende Reihung von Sitzmöbeln in vorderster Front führen und damit den Blick auf das wunderbare Tastenspiel des Venezianers Marco Ponchiroli nahezu unmöglich machen, jedenfalls erschweren. Dafür sind  der ebenso junge und exzellente Lette Jan Grinbert am Alt- und Sopransaxophon und der immer wieder feine Grimassen schneidende, virtuos aufspielende Bulgare Nevyan Lenkov am Schlagzeug umso besser zu erkennen. In Bühnenmitte Georg Kolb, das drahtige “Würzburger” Urgestein an der Bassgitarre, zwischendurch den Synthesizer bedienend und den Ablauf dieses Einzelkonzertes moderierend.

Dass dieses Quartett noch Unterstützung durch Gäste, wie Jochen Volpert an der E-Gitarre, Dirk Rumig an der Bassklarinette, Sabeth Quitt am Cello und Michael Buttmann erfährt, darf man als puren Luxus bezeichnen, das den ohnehin opulenten Klangkosmos um noch weitere Klanggalaxien erweitert. So steuert Jochen Volpert, sozusagen erwartungsgemäß, am Ende auch etwas bluesige Töne bei.

Distances – 33. Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

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Sehr spannend der Auftritt von Distances, der durch Zugaben natürlich die Performance der letzten Band – The BootyJive – noch weiter nach hinten verschiebt. Ehrlich, um 22:30 Winterzeit, in der Nacht zuvor sind die Uhren um eine Stunde zurückgestellt worden, bin ich so etwas von müde, dass mir mein unübersehbares häufiges Gähnen peinlich ist.

An der Musik lag es bisher nicht und The BootyJive sorgen mit Ihrem finalen Auftritt für allerbeste Stimmung auch bei denjenigen, die sich in biorhythmischer Hinsicht in ähnlicher Verfassung wie ich befinden mögen.

Was Bernhard Ullrich am Saxophon, Takashi Peterson an der E-Gitarre, Tobias Fleischer am Bass und Andi Bühler am Schlagzeug heute zu vorgerückter Stunde “audio-visuell” zu bieten haben, ist umwerfend. Wir, die “Earthlings” sind geradezu geplättet, was das Berliner Quartett an Funk-Jazz samt ebenfalls eingesetztem Theremin zu bieten hat.

The BootyJive – Jazzfestival Wuerzburg 2017 © Gerald Langer

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Fulminanter Abschluss eines Abends, der mich um Mitternacht in den Start eines neuen Lebensjahres begleitet. Besser hätte es wohl kaum beginnen können. Bin jetzt übrigens wieder putzmunter.

Dankeschön!

© Gerald Langer


Am Ende noch ein Hinweis zum Rahmenprogramm des Würzburger Jazzfestivals:

Am Donnerstag, 02. November 2017 um 19:30 spielt das Liepold-Schirmer-Klose-Trio im Rahmen der Konzertreihe Klangraum Jazz-Konzert im Kulturspeicher Würzburg (Freundeskreis Kulturspeicher e.V.)

Veranstaltungsort: Kulturspeicher
Oskar-Laredo-Platz 1, 97080 Würzburg

Eintritt: 14,- Euro

Weitere Infos: siehe Homepage des 
Freundeskreis Kulturspeicher e.V.

Nach internationalen Wanderjahren kehrte der Saxophonist Johannes Liepold in seine Studienstadt Würzburg zurück. Hier ist er inzwischen wieder eine feste Größe in zahlreichen Formationen. Seine kleinste eigene Kapelle bewährte sich u.a. bei den Überlandfahrten des Blauen Eumel: Hochkultur spricht mit den Mitteln der Straßenmusik die Menschen in tiefer Provinz an. Mit Sebastian Klose am Kontrabass und Tobias Schirmer am Schlagzeug. Ein Klangraum-Konzert des Freundeskreises Kulturspeicher gemeinsam mit der Jazzinitiative Würzburg.

Johannes Liepold Saxophon
Sebastian Klose Kontrabass
Tobias Schirmer Schlagzeug

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