Der Künstlerische Leiter des Hafensommers Würzburg – Jürgen Königer

Mark Berube am 9. August 2015 beim Würzburger Hafensommer auf den Mainwiesen © Gerald Langer
Mark Berube am 9. August 2015 beim Würzburger Hafensommer auf den Mainwiesen © Gerald Langer

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Jürgen Königer war zehn Jahre lang Künstlerischer Leiter beim Hafensommer Würzburg

Ein Blick zurück, aber nicht im Zorn


Würzburg (music-on-net) – Kurz vor Weihnachten erreichte mich eine Pressemitteilung von Jürgen Königer, dem ehemaligen Künstlerischen Leiter des Hafensommers Würzburg. Ich hatte es nicht mehr geschafft, den Beitrag noch vor den Feiertagen online zu stellen, wusste, nachdem ich mich auf meinem persönlichen Blog mehrfach zum Thema geäußert hatte, auch nicht so recht, wie ich mit dieser Information umgehe. Kommentiere ich sie möglicherweise weiter?

Nun habe ich mich entschieden, das Statement im Originalton zu veröffentlichen.

Für mich ist es eine Möglichkeit, Dankeschön für all die wunderbaren Konzerte zu sagen, die ich als Blogger, Fotograf und einfach als Zuhörer erleben durfte. Es war eine bereichernde Zeit auf den Mainwiesen, zuletzt wieder auf dem Stammgelände, der Hafentreppe. Großartige Künstler waren alle Jahre wieder am Start, die leider nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie eigentlich verdient hatten. Inhaltlich war das Line-Up über Jahre hinweg herausragend,  für Würzburg sicherlich einzigartig.

Du – Hafensommer Würzburg alter Prägung  – wirst mir und einigen anderen regelmäßigen Besuchern in unserem sommerlichen Terminkalender ganz schön fehlen, auch wenn du alle Jahre wieder ganz schön an meinen Kräften – über etwa 16 Konzertabende hinweg – gezehrt hast.

Liebe Freundinnen und Freunde des Festivals Hafensommer Würzburg der vergangenen 10 Jahre,

der Hafensommer in seiner unverwechselbaren Ausrichtung ist nun „Geschichte“, und das nicht nur für mich.

Im Laufe der letzten Monate war zu erkennen, dass die strukturellen Bedingungen auf Seiten der Administration keine verlässliche und inhaltlich orientierte Perspektive für die Zukunft des Festivals mehr bieten. Eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf der Leitungs- und Auftragsebene, respektive betreffende strukturelle Versäumnisse und Defizite machten m.E. immer deutlicher, dass ein der Qualität des Festivals angemessenes Niveau auf der administrativen Seite der Festivalorganisation kaum gegeben war, bezeichnend beispielsweise auch die absagebedingten Turbulenzen zu Beginn des Jahres als Teil einer diskontinuierliche Entwicklung.  Wichtige Faktoren und Grundvoraussetzungen, die den Erfolg eines Projektes dauerhaft stützen und ausmachen, konnten schon länger kaum bzw. gar nicht vorangebracht werden.

Johannes Wolf, Sprecher des Freundeskreises Hafensommer, bezeichnet den Hafensommer und die programmatische Ausrichtung der letzten zehn Jahre als Erfolgsgeschichte, dem auch der Kulturreferent vorbehaltlos zugestimmt hat. Genau so wurde das Festival auf nationaler und internationaler Ebene, insbesondere durch das kontinuierliche Engagement und die Präsenz der Künstlerischen Leitung auch wahrgenommen. Beispiele und Aussagen für diese weitreichende und positive Wahrnehmung der programmatischen  Ausrichtung gibt es auf nationaler und internationaler Ebene mehr als genug.

Falls von den strukturellen Versäumnissen der Administration in den letzten Jahren auf Kosten der Künstlerischen Leitung abgelenkt bzw. die Folgeprobleme auf die programmatische Ausrichtung projiziert werden sollten, wäre das alles andere als souverän und entspräche nicht den Tatsachen. Die Künstlerische Leitung hat über zehn Jahre hinweg inhaltlich ein Festival gewissermaßen aus dem Nichts aufgebaut bzw. ein Profil entwickelt, das sich international sehen lassen konnte und hoch geschätzt wurde. Neunzig Prozent der Partner wurden zudem von der Künstlerischen Leitung mit ins Boot gebracht und somit die Realisierung dieses besonderen Festivals durch die Anstrengungen der Künstlerischen Leitung überhaupt erst ermöglicht. Die Künstlerische Leitung hat somit dem Festival zusätzliche materielle Ressourcen erschlossen wie auch in anderer Hinsicht erhebliche Mittel eingespart. Grundsätzlich wurde durch dieses Engagement jährlich eine Summe in oberen fünfstelligen Regionen, im Grunde im sechsstelligen Bereich generiert. Abschließend betrachtet hat dieser Einsatz allein über die zehn Jahre hinweg der Institution Hafensommer und somit der Kulturverwaltung Leistungen in mindestens mittleren sechsstelligen Dimensionen zugeführt.

Die Künstlerische Leitung war und ist allerdings nicht zuständig für die budgetäre und wirtschaftliche Gesamtverantwortung, somit auch nicht für die Festivalleitung. Das avisierte Programmbudget als relevanter verantwortlicher Bereich wurde immer eingehalten. Zudem hatte die Künstlerische Leitung, trotz einer Positionierung im Leitungsteam, in Bezug auf die administrative Transparenz oder die Bewältigung und Auswertung diverser wirtschaftlicher Zusammenhänge und Erhebungen vergleichsweise wenig – bisweilen nur auf Nachfrage – Einsicht und Einfluss.

Es hat den Anschein, dass es zuletzt im Zusammenhang mit den Hafensommer, der von der Kulturverwaltung immer wieder auch als „Entdeckerfestival“ bezeichnet wird, immer weniger um Inhalte als vordergründig um Besucherzahlen und oberflächliche Stimmung ging, der Hafensommer entfernt sich somit von dem Besonderen, was das Festival vor Ort, aber auch überregional und international ausmacht, der künstlerischen Integrität und Authentizität.

Ich werde den Hafensommer und diese zehn außergewöhnlichen Jahre nicht im Groll hinter mir lassen. Es war mir eine große Freude gerade in einer Stadt wie Würzburg zehn Jahre lang die künstlerische Verantwortung für ein aus meiner Sicht inhaltlich wichtiges Festival zu tragen und bedanke mich hiermit sehr herzlich bei allen, die mich bis zum Schluss tatkräftig unterstützt haben. Zahlreiche Personen und Institutionen haben viel Energie, Engagement und Leidenschaft in dieses Projekt eingebracht, erst Recht unter diesen Voraussetzungen.

Und natürlich möchte ich mich vor allem auch bei den Künstlern und bei den Besuchern und Fans bedanken, für Euer Interesse, Eure Leidenschaft und Euren Ansporn, immer wieder ein herausragendes Programm zu gestalten.
In Erinnerung an das Stück Optimistbeat (1983) von Lars Hollmer (Accordion Tribe) – einem von mir seit meiner Jugend sehr geschätzten schwedischen Komponisten, Pianisten, Akkordeonisten, der leider 2008 vergleichsweise früh verstorben ist – geht mein Blick nach vorne.

Ich wünsche Ihnen nun auf diesem Wege frohe, friedliche und ruhige Festtage und einen guten Start in ein gutes und gesundes Neues Jahr!
Herzliche Grüße

Jürgen Königer
Künstlerischer Leiter
Hafensommer Würzburg
(2007 − 10/2016)

Auch wenn die Weihnachtszeit schon hinter uns liegt, bin ich ganz sicher, dass die Wünsche von Jürgen Königer uns noch immer willkommen sind und den interessierten Leser erreichen werden!

 

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