Dust & Grooves – Eilon Paz – Buch – Review

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Dust & Grooves – Plattensammler und ihre Heiligtümer
VÖ: 09.11.2015
Label: Eden Books
Autor / Fotograf: Eilon Paz
448 Seiten
Preis: 49,95 €


(music-on-net) Wir erleben derzeit ein regelrechtes Vinyl-Revival, das sich in den letzten Jahren bereits angedeutet hatte. Die wenigen Presswerke, die es noch gibt, stehen kaum mehr still. Nicht nur neue Produktionen werden zunehmend auch auf Vinyl ausgereicht, auch die Back-Kataloge der letzten großen Bands werden in Form umfangreicher Box-Sets, gefüllt mit „schwarzem Gold“ , angeboten. Im Auge hat der Nischenmarkt dabei natürlich Nostalgiker und Sammler – wie mich.

Der Spezies der weltweiten Vinylsammler hat sich der in Israel geborene Eilon Paz in den letzten Jahren angenommen und über Crowdfunding ein schwergewichtiges Buch publiziert, das im November 2015 auch in sehr guter deutscher Übersetzung erschienen ist.

„Dust & Grooves“ ist vorrangig ein Bilderbuch, das über äußerst lesenswerte Begleittexte verfügt. Plattensammeln ist überwiegend eine Leidenschaft oder besser eine Neurose von Männern. Dieses Klientel hat sich von Eilon Paz im Kontext ihrer jeweiligen Plattensammlungen fotografieren lassen. Manche bewusste Inszenierung ist dabei, wenn der eigene Körper von akribisch ausgewählten und vorgehaltenen Plattencover verdeckt wird.

„Zeige mir Deine Plattensammlung und ich sage dir, wer du bist“.

Es gibt Sparten-Sammler und es gibt die Jäger verloren geglaubter Schätze, die von Plattenbörse zu Plattenbörse, von Laden zu Laden ziehen, um das Objekt der Begierde oftmals zu horrenden Preisen zu erwerben und es anschließend fein säuberlich im Regal aufzubewahren oder einer am Boden verteilter Landschaft aus leicht schräg stehenden endlosen Vinylreihen einzuverleiben.

Vinyl-Sammler leben ihre Raum greifende Leidenschaft aus, sind doch die 12 Zoll einer LP, selbst die 7 Zoll einer Single um ein Mehrfaches größer als eine Briefmarke, die sich in lächerlich kleinen Alben verstauen lässt, die wiederum unauffällig in Schränken verschwinden können.

Die Abspielgeräte der diversen Sammler sind auf den Fotografien von Eilon Paz eher Randerscheinungen und blosses Mittel zum Zweck, um die gehorteten Schätze wenigstens ab und dann hörbar zu machen.

Dabei ist Schallplatten aufzulegen und anschließend anzuhören eine wirklich feine Angelegenheit, ein regelrechter Genuss, wenn auch das Equipment passt, das allerdings nicht zwingend nur in utopischen hohen Preisregionen zu erwerben ist.

Allein die Zeremonie, die Schallplatte aus dem – hoffentlich – gefütterten „Innersleeve“ zu ziehen ohne dabei Fingerabdrücke zu hinterlassen, sie plan auf den möglichst gewichtigen Plattenteller zu legen, die Nadel gefühlvoll herabzusenken, bis sie mit nur leichtem Knistern ihre Spur gefunden hat. Und sich dann im Regelfall um die zwanzig Minuten unter Vermeidung jeglicher Störquelle ganz auf die Musik zu konzentrieren. Höchstens noch etwas das Cover samt beiliegenden Informationen studieren und dabei immer schön aufpassen, dass man den guten Tropfen neben sich nicht verschüttet, schon gar nicht auf die Albumhülle mit betörendem Artwork.

Zwischendurch den Blick zum Plattenspieler zu richten. Dort kann ich noch sehen, wie konservierte Musik wiedergegeben wird. Eine sinnliche Erfahrung, die ich beim Abspielen einer CD oder gar beim Streaming digitaler Musikdateien so nicht haben kann.

Das Plattensammeln selbst hingegen kann zur Obsession werden, verknüpft man mit der individuellen Kollektion den Soundtrack des eigenen Lebens. Die an dieser Sucht Erkrankten sind selten therapierbar und hinterlassen ihren Nachkommen Lastwagenladungen mit Tonträgern, die von den (un)glücklichen Erben hoffentlich nicht irgendwann zum Sondermüll gefahren werden (müssen).

Eilon Paz ist mit „Dust & Grooves“ ein wunderbares Buch gelungen, das die Spezies der extremen „Plattensammler“ liebevoll in Bild und Wort porträtiert und den Betrachter immer wieder schmunzeln lässt.

Den vergleichsweise leicht von der Sammelleidenschaft Betroffenen, zu denen ich mich zählen darf, spendet es dahingehend Trost, dass man über diese – insgesamt harmlose – „Erkrankung“ mit zahllosen anderen Plattenjunkies weltweit diese Sucht nach haptischen Musikerlebnissen teilt.

© Gerald Langer


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